Roter Roller, heiße Liebe

Hagen. (anna) Ein Jahr nach dem Fall der Mauer zog es auch den damals 26-jährigen Olaf Full in den Westen Deutschlands. Der aus Zwickau stammende Krankenpflegerhelfer fand 1990 in Dortmund eine neue Bleibe, bevor er dann nach Herdecke und schließlich nach Hagen zog. Alles ließ er damals hinter sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Nur von einem Ding hätte sich der Ostdeutsche niemals getrennt: von seinem Troll 1, einem Roller mit Anhänger, der in der DDR bis 1964 produziert wurde.

Der 47-jährige Olaf Full vom Loxbaum hat im letzten Jahr seine DDR-Maschine „Troll 1“ restauriert, um wieder mit ihr auf Tour zu gehen. Diese sogenannten IWL-Roller, die bis 1964 in Ludwigsfelde produziert wurden, haben Anhänger in ganz Deutschland gefunden. (Foto: Anna Linne)

Heiß geliebt hat Olaf Full seinen roten Roller, weil ihm diese 9,5 PS-Maschine in der DDR das Gefühl der Freiheit vermittelte. Viele Urlaube hat er mit der Troll 1, die ein wundervoller Anhänger ziert, verbracht. Endlich im Westen mottete er das gute Stück erst einmal ein. 21 Jahre lang lag die Maschine in diversen Garagen, unter anderem am Loxbaum, im Dornröschenschlaf, bis ihr Besitzer sie im März des letzten Jahres wieder erweckte und restaurierte.

Fans im Internet

„Ich hatte im Internet ein Forum entdeckt, in dem Liebhaber aus ganz Deutschland mit diesen Rollern aus Ludwigsfelde kreuz und quer durch Deutschland fahren und in Erinnerungen schwelgen“, erklärt Full sein neues Interesse für den Troll 1. Außerdem gab es inzwischen wieder Ersatzteilbörsen, auf denen man alles bekommen konnte. „Dieser Roller ist einfach ein tolles Relikt aus DDR-Zeiten und zeigt, dass bei uns nicht alles schlecht war“, freut sich der Ostdeutsche nach gelungener Restaurierung. Inzwischen pflegt er Kontakt zu Rollerfreunden aus ganz Deutschland. Erst am letzten Wochenende trafen sich Fahrer der DDR-Maschine in Dortmund, um dann nach Bochum, Solingen und Hagen zu touren.

„Viele Roller-Fans fahren auch einen Berliner Roller, ein Wiesel oder ein Pitty“, erklärt Full. All diese tollen Maschinen stammen aus demselben IWL-Werk in Ludwigsfelde.“

Vom Flugzeugmotor zum Roller

„1936 errichtete Daimler-Benz in Ludwigsfelde ein Werk für Flugzeugmotoren. Pro Monat wurden während des Zweiten Weltkriegs um die 1.000 Motoren für die Wehrmacht und Luftwaffe produziert“, weiß Olaf Full. „Das Werk wurde 1945 durch Bombenangriffe teilweise zerstört und im April durch die Übernahme der sowjetischen Armee war das Ende für das Daimler-Benz-Flugzeugmotorenwerk gekommen.“

Entsprechend der Festlegungen im Potsdamer Abkommen seien die Werksanlagen völlig demontiert, Gebäude gesprengt, Maschinen, Einrichtungen und Unterlagen abtransportiert worden.

„1948 lief wieder langsam eine Produktion an“, erklärt der Roller-Fan. „Es entstand eine Autoreparaturwerkstatt unter den Namen KWL (Kraftwagenwerk Ludwigsfelde) für kommunale Fahrzeuge und für Fahrzeuge der sowjetischen Armee. 1951 wurde IWL (Industriewerke Ludwigsfelde) gegründet. Zuerst wurden Schiffsmotoren, Maschinenelemente, Werkzeugmaschinen produziert. Bald entwickelte sich eine bunte Produktionspalette mit Rennboot- und Flugzeugmotoren, Ölbrennern, Dieselkarren und zeitweilig sogar den NVA-Geländewagen P 2 und P3 (6-Zylinder-Horch-Motor).“

Roller-Funke!

Zu Beginn der 50er Jahre war der Motorrollerfunke auf die junge DDR übergesprungen, genauso wie er zuvor von Italien und der Schweiz aus die Bundesrepublik infiziert hatte. Die traditionellen Fahrzeughersteller in Eisenach, Suhl, Hainichen, Zwickau und Zschopau waren voll ausgelastet. So fiel die Entscheidung für die Rollerproduktion auf Ludwigsfelde.

„1953 hatte ein Kollektiv von Planern 81 Tage Zeit, fertige Konstruktionsunterlagen zu erstellen. Dies gelang zwar eindrucksvoll, aber es dauerte noch bis zum 6. Februar 1955, als das Produktionsband anlief“, weiß der Krankenpflegehelfer. „Die Nullserie von 20 Rollern stand im April auf den Rädern: Der ’Pitty’ mit 125 ccm/5,0-PS-Motor, der an die westdeutschen Heinkel- und Goggo-Roller erinnerte.“

1956 lief dann der „SR56 Wiesel” mit 125-ccm/5,5-PS-Motor vom Band, der nicht nur mit optischen Veränderungen die IWL-Serie verbesserte. 1959 wurde mit einigen technischen Neuerungen der „SR59 Berlin” produziert, er besitzt inzwischen einen 150-ccm/7,5-PS-Motor und ist optisch besonders durch seine beiden markanten Einzelsitze vom SR56 Wiesel zu unterscheiden

Der Troll wurde „geboren“

1963, unter einer neuen technischen Leitung, entstand der “Troll 1”. Er wurde im Rahmen der Modellpflege optisch und technisch weiterentwickelt. Mit seinem 150 ccm / 9,5 PS starken Motor legte er an Leistung zu, und mit dem größerem Federweg gewann er an Komfort. Dennoch endete 1964 die Ludwigsfelder Rollerproduktion.

Ganze DDR bereist

Am letzten Wochenende trafen sich zwölf DDR-Roller-Fans (Olaf Full r.) aus ganz Deutschland in Dortmund und bereisten die hiesige Region. Am Abend gab es dann eine zünftige „Ossi-Fete“, bei der ausschließlich DDR-Produkte zum Einsatz kamen. (Foto: privat)

„So einen Troll 1 habe ich mir dann damals gebraucht gekauft und mit ihm die ganze DDR bereist. Denn in dem urigen Anhänger des Rollers findet sich eine Menge Stauraum. „Zelt und Luftmatratze passten bequem hinein.“

Denn die ersten Stadtroller Pitty und Wiesel waren auch für Überland- und Urlaubsfahrten konzipiert. Dabei entstanden zwei Probleme. Zum einen: Wohin mit dem Kind? Zum zweiten: Wohin mit dem Gepäck? Für die „Kleinen“ gab es mehrere Lösungen. Ein zwischen den Beinen des Fahrers angeordneter und an der Motorhaube befestigter Kindersitz erhielt im Dezember 1958 das Typengutachten. Für das Gepäck diente der über dem Reserverad angeordnete Gepäckträger. Zwei Koffer, übereinander angeordnet, ließen sich ausreichend festschnallen.

„Doch der Schwerpunkt verlagerte sich deutlich nach oben, nicht gerade förderlich für ein gutes Fahrverhalten“, weiß Olaf Full. „Ein Einrad-Anhänger sollte Abhilfe schaffen. Hergestellt wurde damals der Campi-Anhänger mit 40 Kilogramm Nutzlast und 34 Kilogramm Eigenmasse fahrwerkseitig in Ludwigsfelde und die Karosserien bei der Seitenwagenfirma Stoye in Leipzig. Die ersten Kastenaufbauten von Stoye waren genietet, und der Deckel mit einem Klavierband befestigt“, lacht der Roller-Fan.

Jetzt, mit 47 Jahren, ist Olaf Full wieder mit seiner DDR-Maschine unterwegs. Wann immer er Zeit hat, meldet er sich im Internet-Forum zu Fahrten mit Gleichgesinnten an. Auch Olaf Fulls Kinder sind begeistert vom Hobby ihres Vaters.

„Auf der Homepage www.iwl-roller.de findet man Informationen zu den Zweirädern aus dem Osten Deutschlands und einen Einblick in mein Hobby“, gibt Olaf Full den Lesern mit auf den Weg.