Sarrasani und Gewerbeausstellung

Hagen. Abermals blicken wir in die Wochen kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Den Hagener Alltag im Mai 1914 – so, wie er sich aus Zeitungsmeldungen ergibt – beschreibt erneut Pro. Dr. Gerhard E. Sollbach:

Sarrasani-Schau begeistert Hagen

Der Mai 1914 wurde in Hagen von zwei Großereignissen beherrscht. Das eine war das Gastspiel des bekannten Sarrasani-Zirkus oder vielmehr der Sarrasani-Schau auf dem Höing und das zweite die Jubiläums-Gewerbeausstellung auf der Springe. Das Zirkusunternehmen Sarrasani war 1902 in Dresden von dem zuvor als Dressur-Clown aufgetretenen Hans Stosch gegründet worden, der sich 1892 den Künstlernamen Giovanni Sarrasani zugelegt hatte. In Dresden besaß das Unternehmen seit 1912 auch ein festes Standquartier. Schon die Ankunft des Zirkus auf dem Hagener Güterbahnhof und der anschließende Zug durch die Stadt zum Höing-Spielplatz am Abend des 14. Mai, einem Donnerstag, brachte fast ganz Hagen auf die Beine. Bereits ab dem frühen Nachmittag sammelten sich in Altenhagen und an den zum Höing führenden Straßen riesige Menschenmassen. Allerdings mussten sie sich lange gedulden, denn erst gegen 6 Uhr wurden die ersten gelb gestrichenen Wagen von den vorgespannten Dampflokomobilen aus dem Güterbahnhof gezogen und erst, als es schon dunkel geworden war, gegen 9 Uhr, kam der Zug der Tiere.

Angeführt wurde er von einer großen Schar herrlicher Schimmel, alles Vollbluthengste, neben denen „Araber“ in ihrer Nationaltracht schritten. Den Schimmeln folgten die braunen und die schwarzen Pferde. Danach kamen die Ponys und die Zebras. Der nächste Trupp bestand aus Büffeln, Kamelen und Dromedaren. Den Schluss der Tierpromenade bildete die Elefantenherde mit zwei besonders großen Exemplaren an der Spitze. Die Raubtiere, Löwen, Tiger und Panther, wurden in geschlossenen Käfigwagen gefahren. Obwohl das Gelände auf dem Höing durch starken Regen aufgeweicht war und die Wagen dort oft bis an die Achsen einsanken, gelang es bis zum nächsten Tag, die riesige Zeltstadt aufzubauen, so dass am Abend um 7:30 Uhr die Premiere-Vorstellung wie angekündigt stattfinden konnte.

Mai 1914: Die Sarrasani-Schau gastiert in Hagen auf dem Höing. Das Zirkusunternehmen Sarrasani war 1902 in Dresden von dem zuvor als Dressur-Clown aufgetretenen Hans Stosch gegründet worden, der sich 1892 den Künstlernamen Giovanni Sarrasani zugelegt hatte. (Abb.: Stadtarchiv Hagen)
Mai 1914: Die Sarrasani-Schau gastiert in Hagen auf dem Höing. Das Zirkusunternehmen Sarrasani war 1902 in Dresden von dem zuvor als Dressur-Clown aufgetretenen Hans Stosch gegründet worden, der sich 1892 den Künstlernamen Giovanni Sarrasani zugelegt hatte. (Abb.: Stadtarchiv Hagen)

„Sarrasani ist jetzt das Tagesgespräch (in Hagen)“, meldete das „Westfälische Tageblatt“ am Tag nach der Ankunft der „Schau“ in der Stadt. Überall, auf den Straßen, in den Wirtschaften und zu Hause werde ständig davon gesprochen. Es gab täglich zwei Vorstellungen, und zwar um 3:00 Uhr nachmittags und 7:30 Uhr abends. Außerdem bestand die Möglichkeit, morgens um 10:30 Uhr und um 11:30 Uhr die Tierschau zu besuchen, die vor allem bei Kindern sehr beliebt war. Der Eintritt betrug für Kinder 25 Pfennige und für Erwachsene 35 Pfennige. Bei den Vorstellungen kosteten die billigsten Plätze 50 Pfennige, die teuersten – im Parkett – 3 und 4 Mark, was allerdings für die damalige Zeit ein recht stolzer Preis war. Doch die Zuschauer bekamen auch wirklich Großartiges geboten. Neben den Tierdressuren, bei denen auch Nilpferde auftraten, und den verschiedensten artistischen Vorführungen waren die Schau „Wild West“ und die Schau „Fata Morgana“ die Höhepunkte, die auch in Hagen die Zuschauer faszinierten. Sie entsprachen jedoch auch den damals sehr populären Völkerschauen, denn Sarrasani wollte kein reiner Zirkus, sondern eine „Schau“ sein. Bei der „Fata Morgana“ bevölkerten schwarze Äthiopier, Derwische und Beduinen zusammen mit Feuerschluckern, arabischen Akrobaten und einer Schar von Haremsdamen die Manege. Größte Attraktion, die auch den stürmischsten Beifall erhielt, war jedoch die Wild West-Schau. Sie wurde von rund 100 Sioux-Indianern, Cowboys und Cowgirls, Mexikanern und Mulatten bestritten, die Indianertänze vorführten, auf Mustangs wilde Jagden veranstalten und als Höhepunkt einen Postkutschen-Überfall inszenierten. Die von Sarrasani verpflichteten Sioux waren tatsächlich echt und erst im März des Vorjahrs aus den USA in Dresden eingetroffen. Die Schau selbst war jedoch eine Imitation der erfolgreichen Wild West-Schau von William F. Cody, alias Buffalo Bill, die einige Jahre zuvor in Europa gastiert und auch in mehreren deutschen Großstädten Station gemacht hatte.

Nach den Zeitungsberichten wälzten sich an allen sieben Tagen, an denen die Sarrasani-Schau in Hagen war, zu den Zeiten der Aufführungen jedes Mal riesige Menschenmassen zum Höing. Am Sonntag dem 17. Mai, entstand dabei nach einem Bericht im „Westfälischen Tageblatt“ eine regelrechte Völkerwanderung. Zehntausende sollen es gewesen sein, die an diesem Tag bei schönem Wetter zum Höing drängten. An den Kassen herrschte zeitweilig ein fast lebensgefährliches Gedränge. Viele mussten jedoch nach stundenlangem Anstehen wieder abziehen, weil die Karten ausverkauft waren. Für das Unternehmen war das Gastspiel in Hagen jedenfalls ein wirtschaftlicher Erfolg. Aber auch die Stadt hatte einen wirtschaftlichen Gewinn, denn das rund 500 Personen zählende Zirkuspersonal war in der Stadt in Hotels, Gaststätten und Privatquartieren untergebracht. Doch die Sarrasani-Schau verließ die Stadt mit weniger Personen, als sie bei der Ankunft gehabt hatte. Acht Schwarze („Neger“), die man einiger Diebereien bezichtigte, hatten sich heimlich aus dem Staub gemacht. Von der Direktion war daraufhin Anzeige gegen sie wegen Kontraktbruchs erstattet worden. Wohin sich die acht Flüchtigen abgesetzt hatten und was aus ihnen geworden ist, ließ sich nicht ermitteln.

Gewerbeausstellung – gut besucht

Das zweite Großereignis in Hagen war die Jubiläums-Gewerbeausstellung auf der Springe vom 19. Mai bis 5. Juli. Sie sollte ursprünglich nur bis zum 3. Juli dauern, wurde dann aber um zwei Tage verlängert. Ihr Zentrum war die Große Maschinenhalle. Außerdem gab es noch eine Halle für Gasverwendung und für Raumkunst. Für das leibliche Wohl der Besucher sorgten ein Café, ein Bierrestaurant und eine Weinschänke. Mit in das Ausstellungsgelände einbezogen war auch die (alte) Stadthalle („Festhalle“), die innen seinerzeit aber noch nicht gänzlich fertiggestellt war. Allerdings hatte man darin mehrere Räume für die Ausstellung hergerichtet, so den großen und den kleinen Festsaal und außerdem als besondere Attraktion ein mit echten orientalischen Teppichen, Möbeln, Waffen und anderen Gegenständen dekoriertes „Arabisches Café“. Einen lokalen „Tupfer“ stellte dagegen der Nachbau des Stammhauses der Firma Eversbusch in Haspe dar. Für die musikalische Unterhaltung der Besucher war auf dem Festplatz eigens ein Musikpavillon aus Sandstein errichtet worden.
Zum Ausstellungsprogramm gehörten aber auch Vorträge und verschiedene Sonderveranstaltungen. So fand z. B. am Samstag, dem 30. Mai, auf dem Ausstellungsgelände eine „Italienische Nacht“ statt, bei der das Städtische Orchester italienische Weisen spielte und es eine besondere elektrische Festbeleuchtung gab. Auch die Gewerbeausstellung war nach den örtlichen Zeitungsberichten gut besucht. Allerdings hing der Besuch sehr vom Wetter ab. Am sonnigen Himmelfahrtstag, dem 21. Mai, verzeichnete die Ausstellung dann ihren ersten Besucherrekord. Vor allem aus dem Sauerland waren Tausende zur Besichtigung nach Hagen gereist.

Allerdings, an die Besucherzahlen der publikumswirksamen Sarrasani-Schau kam die Hagener Gewerbeausstellung im Mai noch nicht heran.

„Schweinestall“

Der Himmelfahrtstag war schon damals in Preußen (seit Ende des 18. Jahrhunderts) gesetzlicher Feiertag. Da an diesem Tag zudem in Hagen sonniges Wetter herrschte, wurde er wie es allgemein Tradition war, vor allem für Ausflüge und Wanderungen genutzt. Die S.G.V.-Abteilung Hagen führte z.B. eine 7 1/2-stündige Wanderung im nahen Sauerland durch. Die Mitglieder des M.G.V. „Eichenkranz“ wanderten an diesem Tag zur Möhnetalsperre. Dasselbe Ziel hatte sich auch die Wehringhauser Turnerschaft für ihre Wanderung ausgesucht. Von dem Evangelischen Volksverein wurde wie bereits in den vorausgegangenen Jahren auch an diesem Himmelfahrtstag in der Nähe des Kaiser-Friedrich-Turms auf der Hesterthardt ein Waldgottesdienst abgehalten, der auf Grund des herrschenden schönen Wetters Tausende anzog.

Allerdings gab es auch schon damals das Problem der Vermüllung von Wald und Flur durch unvernünftige Spaziergänger und Wanderer. So beklagte das „Westfälische Tageblatt“ in einem am 9. Mai erschienenen Aufruf „An alle Spaziergänger“, dass immer noch im Wald und auf den Wegen Papier und Speisereste, leere und zerbrochene Gläser achtlos weggeworfen würden. Nach Feststellung der Zeitung sah es nach schönen Sonntagen selbst im Stadtwald und besonders auf der Hinnenwiese daher „wie in einem Schweinestall“ aus.

Anstößige Theaterfiguren

Ein anderes Ärgernis für einen Teil der Hagener Bürger, vornehmlich aber offenbar für die Damenwelt, stellten aber immer noch die von der in Hagen lebenden Bildhauerin Milly Steger drei Jahre zuvor geschaffenen vier nackten Frauenfiguren an der Front des Stadttheaters dar. In der Stadt hatte sich zwischenzeitlich sogar eine Stiftung zur Beseitigung dieser „anstößigen“ Skulpturen gegründet. Von den Damen des Hagener Bürgertums war dafür auch eine Spendenaktion unternommen und dabei ein Betrag von insgesamt 2.152 Mark zusammengebracht worden. Diesen Betrag hatte man der Theater-A. G. als der Trägerin des Städtischen Schauspielhauses angeboten mit der Auflage, das Geld für die Beseitigung der jetzigen Theaterfiguren und zur Ersetzung durch einen „weniger anstößigen“ bildnerischen Schmuck zu verwenden. Die Theater-A. G. hatte die Annahme unter dieser Bedingung jedoch verweigert. Darauf wurde der Betrag auf ein Sparkassenbuch eingezahlt und dieses Oberbürgermeister Willi Cuno übergeben. Der nahm es allerdings nur zur vorläufigen Verwahrung an und hinterlegte es anschließend bei der Städtischen Sparkasse. Die endgültige Entscheidung über die Annahme der Spende sollte die Stadtverordnetenversammlung treffen. In ihrem Begleitschreiben hatten die Stifter ausgeführt, dass die Stadt früher oder später das Theater doch in eigenen Besitz nehmen müsse und sie dann auch das ausführen könne und solle, was Vorstand und Aufsichtsrat der Theater-A. G. verweigerten. Nur zu diesem Zweck, nämlich die vier Frauenskulpturen am Theater zu entfernen und durch anderen Skulpturenschmuck zu ersetzen, sei das Geld überwiesen worden. Auf der Stadtverordnetensitzung am 13. Juli war dann auch die genannte Spende ein Tagesordnungspunkt. Nach einer kontrovers geführten Diskussion entschieden sich die Stadtverordneten mit großer Mehrheit jedoch gegen die Annahme der Spende durch die Stadt. So schmücken die „anstößigen“ Frauenfiguren noch heute das Hagener Stadttheater.

Tragischer Fastnachts-Scherz

Ein folgenschwerer Fastnachts-Scherz, dem ein Menschenleben zum Opfer fiel, wurde im Mai vor der Strafkammer des Hagener Landgerichts in Hagen verhandelt und sorgte für Aufmerksamkeit in der lokalen Presse und Öffentlichkeit. Der Vorfall hatte sich im vorausgegangenen Karneval in Menden ereignet. Am Fastnachtsdienstag hatte sich der Arbeiter Wilhelm Jelk als Tanzbär verkleidet und dafür seinen ganzen Körper, auch den Kopf, mit Stroh umwickelt. Sein Freund, der Erdarbeiter Johann Thelen, machte den Bärenführer, indem er seinen Kollegen an einem Strick hinter sich herzog. So klapperten die Beiden eine Wirtschaft nach der anderen ab. Da der „Bär“ seine Rolle ausgezeichnet spielte und die lustigsten Sprünge machte, waren der ideelle wie materielle Erfolg, letzterer in Form vor allem spendierter Schnäpse, für Thelen und Jelk recht beachtlich.

Zu vorgerückter Stunde kam der bereits stark alkoholisierte „Bärenführer“ Thelen auf die im echten Wortsinn Schnapsidee, das Stroh am Körper seines Freunds anzuzünden, das, wie er meinte, dann sofort abfallen würde. Das Vorhaben wurde ihm jedoch ausgeredet und ihm auch ein bereits angezündetes Streichholz aus der Hand geschlagen. Aber Thelen wollte unbedingt seinen Willen haben und zündete in einem unbeobachteten Augenblick das Stroh mit den Worten an: „Brenne oder bekenne!“ Jelk brannte sofort lichterloh. Sein Freund versuchte noch, allerdings ohne Erfolg, das Feuer zu ersticken, und zog sich dabei selbst erhebliche Verbrennungen zu. Jelk wurde aber furchtbar zugerichtet und starb zwei Tage später unter grässlichen Schmerzen.

Das Gericht hielt Thelen zugute, dass er die Tat in stark alkoholisiertem Zustand begangen hatte und sie auch zutiefst bereute und verurteilte ihn wegen fahrlässiger Tötung daher nur zu neuen Monaten Haft, die Thelen aber auch absitzen musste.

Forsetzung folgt.

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