Schiller als Revoluzzer und Ehemann

Bot einen unterhaltsamen, kurzweiligen und in jeder Minute inspirierenden Schiller-Abend: Rezitator Lutz Görner, der vom Gitarristen Stefan Sell dezent begleitet wurde. (Foto: wk)

EN-Kreis/Hagen. (zico) Zeit seines Lebens hatte Lutz Görner, Meister der Rezitation und als solcher seit Jahrzehnten unermüdlich unterwegs, um einem breiten Publikum ungezählte Schriftsteller näher zu bringen, einen Bogen um Friedrich Schiller gemacht. Bis ein Zitat das Interesse des mittlerweile 65-Jährigen weckte: „Denn allein eine Ehe kann meine extremen Stimmungsschwankungen, die fortgesetzte Kette von Spannung und Ermattung, von Opiumschlummer und Champagnerrausch beruhigen.“ Vor diesem Hintergrund neugierig geworden, tauchte Görner ein in Leben und Werk eines der größten deutschen Dichter und stellte, unterstützt vom Gitarristen Stefan Sell, das Programm „Opiumschlummer und Champagnerrausch“ zusammen. Wie immer bei Görner lohnte der Besuch – ein fast voll besetztes Hagener Stadttheater erlebte einen unterhaltsamen, kurzweiligen und in jeder Minute inspirierenden Abend.

Im ersten Teil präsentierten Lutz Görner und Stefan Sell Schiller als Revolutionär und Autoren der „Räuber“; freilich tief gläubig aufgewachsen und vom Wunsch beseelt, Pfarrer zu werden. Die Uraufführung des Werkes bringt ihm zwar Ovationen und den Ruf ein, Prototyp des „jungen Wilden“ zu sein – andererseits aber auch die tiefe Skepsis der Etablierten. Und so werden neue Stücke des jungen Aufrührers nur zögerlich und vielfach stark zensiert aufgeführt. Lutz Görner näherte sich aber auch dem Menschen Schiller, dem linkisch agierenden Verliebten und nicht zuletzt dem hoch verschuldeten Genießer, der keinerlei Talent für den Umgang mit Geld besitzt.

Der zweite Teil des Lebens Schillers, das von Lutz Görner ebenso liebevoll vorgestellt wurde, ist von Krankheit geprägt, aber auch vom materiellen Durchbruch des Künstlers, der freilich erst in seinen letzten fünf, sechs Lebensjahren in finanzieller Sicherheit lebt. Nur 45 Jahre alt wird Schiller und bleibt trotz aller Wortgewalt und Poesie auch Realist. „Und bitte, mein Lieber“, schreibt er, gerade wieder in tiefer Geldnot, einmal an seinen Freund und Gönner Gottfried Körner, „nichts mehr von der Würde des Menschen. Zu essen gebt uns, zu wohnen. Und habt ihr auch noch die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.“

Beifallumtost verließen Lutz Görner und der musikalisch dezent begleitende Stefan Sell die Bühne, um mit einer raffinierten Zugabe zurückzukehren. Auf 134 Tafeln ließen sie das Publikum viele jener Redewendungen und Verse lesen, die noch heute fest zum Sprachschatz der Deutschen zählen. „Ein Augenblick gelebt im Paradiese, wird nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt“, so ein Zitat, dass wohl sehr gut die Geisteshaltung des neben Goethe berühmtesten deutschen Autoren spiegelt: Ein Idealist durch und durch, den Freuden des Lebens nicht abholt und doch stets dem Wohl der Menschheit verpflichtet.