Schlaglöcher und Schuhe

Die gerichtliche Verfügung ließ der Hagener Rabatt- und Handelsschutz-Verein als „Bekanntmachung“ in der Lokalpresse veröffentlichen. (Foto: Archiv Sollbach)
Die gerichtliche Verfügung ließ der Hagener Rabatt- und Handelsschutz-Verein als „Bekanntmachung“ in der Lokalpresse veröffentlichen. (Foto: Archiv Sollbach)

Hagen. Was stand bei den Hagenern vor 100 Jahren – also am Vorabend des Ersten Weltkriegs – im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen – 1914“ mit einem Blick in den März fort.

Autor dieses Beitrags ist auch diesmal wieder Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach. Er schreibt:

Im März 1914 bereiteten den Bewohner von Boelerheide die Straßenverhältnisse Ärger und Verdruss. Betroffen war vor allem die westliche Boelerheide. Die einzige Zufahrt dorthin von Eckesey aus verlief seinerzeit über die damalige – ungepflasterte und teilweise recht steile Kampstraße, da die dortige Harkortstraße (sie entspricht der heutigen Overbergstraße) schon seit über einem Jahr für den durchgehenden Fuhrverkehr gesperrt war. Die Kampstraße (eine ihr heute entsprechende Straße bzw. der Verlauf der Kampstraße konnte bisher nicht ermittelt werden) befand sich aber schon seit Monaten in einem „trostlosen Zustande, welcher jeder Beschreibung spottet“, wie sich einige Anwohner und Fuhrleute in einem am 4. März in der „Hagener Zeitung“ abgedruckten Protestschreiben empörten.

Nicht nur die Fußgänger müssten „fußtiefe Schlammbäder“ nehmen, auch jedem Tierfreund drehe sich das Herz im Leibe um, wenn man sehe, wie sich die Zugtiere – meist vergeblich – abmühten, ihre Last bergan zu ziehen. Vor allem den oberen Teil der Straße, der bei der Aufführung der Böschungsmauer zur Eisenbahnstrecke hin abgerutscht war, hatte man nur sehr notdürftig wiederhergestellt. Zwar stand die in Fortsetzung der Harkortstraße über die Bahngleise führende Eisenbahnbrücke (die heute nicht mehr vorhanden Brücke nördlich der Fuhrparkbrücke) schon seit Monaten, doch noch immer fehlte die Zufahrtrampe von Eckesey aus, was bei den Boelerheider Bewohner sowohl Kopfschütteln als auch großen Unmut hervorrief. Die Einsender der Zuschrift an die „Hagener Zeitung“ gaben zum Schluss des Schreibens daher ihrer Hoffnung Ausdruck, dass sich die zuständigen Stellen nunmehr veranlasst sehen würden, sich der beschriebenen unhaltbaren Zustände anzunehmen und endlich für Abhilfe zu sorgen.

Ob und wie schnell sie mit dieser öffentlichen Kundgabe ihrer Beschwerde Erfolg hatten, lässt sich nicht mehr feststellen.

Ärger hatte am Vorabend des Ersten Weltkrieges der Besitzer des Schuhhauses „Elite“ in der Elberfelder Straße, S. Ripinski. Er wollte einen Total-Ausverkauf seines Geschäftes veranstalten und hatte diesen am 17. März in der Hagener Zeitung erschienenen Anzeige angekündigt. Das hatte aber seinen Konkurrenten auf den Plan gerufen, die um ihre Verkäufe fürchteten. (Foto: Archiv Sollbach)
Ärger hatte am Vorabend des Ersten Weltkrieges der Besitzer des Schuhhauses „Elite“ in der Elberfelder Straße, S. Ripinski. Er wollte einen Total-Ausverkauf seines Geschäftes veranstalten und hatte diesen am 17. März in der Hagener Zeitung erschienenen Anzeige angekündigt. Das hatte aber seinen Konkurrenten auf den Plan gerufen, die um ihre Verkäufe fürchteten. (Foto: Archiv Sollbach)

Händlerkonkurrenz

Ärger hatte damals auch der Besitzer des Schuhhauses „Elite“ in der Elberfelder Straße, S. Ripinski. Er wollte einen Total-Ausverkauf seines Geschäftes veranstalten und hatte diesen bzw. die günstigen Preisangebote auch in einer am 17. März in der Hagener Zeitung erschienenen Anzeige angekündigt. Das hatte aber seinen Konkurrenten auf den Plan gerufen, die um ihre Verkäufe fürchteten.

Offensichtlich war S. Ripinski aber bei der Beantragung der behördlichen Genehmigung ein nicht mehr zu ermittelnder Formfehler unterlaufen, denn die von den Hagener Schuhhändler angerufene örtliche Rabatt- und Handelsschutz-Verein erwirkte eine Verbotsverfügung vor dem königlichen Landgerichts in Hagen. Diese untersagte es auf Grund des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb S. Ripinski bei einer Strafe von 500 Mark, die in der „Hagener Zeitung“ am 17. März erschienene Annonce, wonach der Total-Ausverkauf auf Grund der Geschäftsaufgabe erfolge, dort oder in irgendeiner anderen Zeitung weiter zu veröffentlichen, oder mit Plakaten innerhalb oder außerhalb seines Geschäfts auf den Ausverkauf hinzuweisen.

Die gerichtliche Verfügung ließ der Hagener Rabatt- und Handelsschutz-Verein auch als „Bekanntmachung“ in der Lokalpresse veröffentlichen. S. Ripinski reagierte darauf postwendend im einer ganzseitigen Zeitungsanzeige, in der er die Durchführung des angekündigten Ausverkaufs mitteilte. Die klagenden Schuhhändler, heißt es darin, würden es nicht fertig bringen, den Ausverkauf zu verhindern. Ein vollständiges Verzeichnis der auszuverkaufenden Waren sei, wie vorgeschrieben, der Polizeibehörde und der Handelskammer in Hagen sowie der Handwerkskammer laut amtlicher Bescheinigung vorgelegt worden. Er werde den Ausverkauf sämtlicher Bestände der Verkaufsstelle in der Elberfelder Straße, die er aufgebe, nach wie vor zu den angekündigten billigen Preisen durchführen, und zwar ohne die angedrohte Strafe von 500 Mark zahlen zu müssen. Es handele sich dabei um Schuhwaren im Wert von etwa 70.000 Mark.

Sehr zum Ärger seiner Schuhhändlerkollegen und sicherlich auch in dieser Absicht kündigte S. Ripinski in der Zeitung noch einen zusätzlichen Rabatt an. Wegen der „krampfhaften Anstrengungen“ verschiedener Schuhhändler, heißt es am Schluss der Anzeige, müsse er dem Publikum „etwas Besonderes“ bieten. Acht Tage lang werde er auf alle mit Blaustift ausgezeichneten Schuhwaren noch einen zusätzlichen Preisnachlass von 5 Prozent gewähren. Offensichtlich ist der Ausverkauf des Schuhhauses „Elite“ dann auch erfolgt und die Gegenaktion der konkurrierenden Schuhhändler im Sande verlaufen. Zumindest finden sich in der Lokalpresse keine weiteren Nachrichten darüber.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.