Schrecken überwinden, Vertrauen gewinnen

Hagen. (as) „Alle Kinder, auch Flüchtlingskinder, brauchen einen sicheren Ort“, sagt Angelika Hamann, Geschäftsführerin der ev. Jugendhilfe Iserlohn-Hagen der Diakonie Mark-Ruhr. „Man kann ihnen dreimal am Tag sagen: Hier passiert dir nichts. Doch dann reicht schon eine Kleinigkeit, sie völlig aus der Bahn zu werfen.“ Karneval mit seinen martialischen Verkleidungen beispielsweise. Oder massive Gewitter. Einer, der helfen soll, Hagen zu einem sicheren Ort zu machen, ist Friedhelm Strehl. Der Heilpädagoge und Kinder- und Jugendpsychotherapeut betreut junge Menschen, die ihre Heimat aus welchen Gründen auch immer verlassen mussten.
Er hilft den Mädchen und Jungen, den Schrecken irgendwie zu überwinden, wieder zu vertrauen und ein neues Leben zu wagen. Seine Stelle bei der Diakonie Mark-Ruhr ist neu. Und sie wird für die Dauer von drei Jahren von der Aktion Mensch gefördert.
„Die Kinder haben belastete Wege hinter sich. Sie haben viel Leid und Tod mitbekommen“, sagt Reinhard Goldbach, Leiter des Jugendamts der Stadt Hagen. Er und sein Team haben die ev. Jugendhilfe Iserlohn-Hagen angestubst, sich um die Förderung der Aktion Mensch zu bewerben. Bei der ev. Jugendhilfe liefen die städtischen Mitarbeiter offene Türen ein. Denn: „Viele Kinder zeigen Anzeichen von Störungsbildern“, sagt Angelika Hamann. „Darauf müssen wir reagieren.“

Erinnerung an eigene Familiengeschichte

Mit Friedhelm Strehl konnte die Diakonie Mark-Ruhr einen Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten für diese Aufgabe gewinnen, der lange in eigener Praxis gearbeitet hat. Seine Schwerpunkte: die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die Arbeit mit jungen Flüchtlingen faszinierte ihn. Sie berührt einen Teil seiner eigenen Familiengeschichte. „Meine Eltern gehören der Kriegsgeneration an und mussten selbst fliehen“, sagt Friedhelm Strehl.
Flucht-Traumata bei Kindern und Jugendlichen können sich auf die unterschiedlichste Weise äußern. „Manche Kinder, von denen wir wissen, dass sie sprechen können, verstummen plötzlich. Manche sprechen nicht mehr mit Erwachsenen.“

Eine sichere Heimat schaffen

Um für die und mit den jungen Menschen zu arbeiten, „versuche ich, ein Diagnostik-Erhebungskonzept zu entwickeln“, sagt Friedhelm Strehl. Das heißt: Er zerpflückt und erweitert den Fluchtbegriff. Er beschreibt die unterschiedlichen Belastungen, die auf die Kinder und Jugendlichen einwirken: den Anlass der Flucht, den Weg zu Fuß oder in Nussschalen auf hoher See bis nach Deutschland.
Er schaut aber auch genau hin, wie die Ankunft im „gelobten Land“ war. Und vor allem auch: Wie sicher ist den jungen Menschen ihr Status als Flüchtling? Können sie in Deutschland bleiben, studieren, einen Beruf erlernen, eine Zukunft aufbauen? Oder werden sie wieder in ihr Heimatland geschickt? All diese Überlegungen gibt Friedhelm Strehl weiter an Erzieher, Lehrer und Betreuer der jungen Flüchtlinge. Die Hilfe, soviel steht fest, kann er schließlich nicht alleine leisten. Alle sind beteiligt, den Mädchen und Jungen über den größten Schrecken hinweg zu helfen, sie zu stabilisieren, ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Und vor allem: Hagen zu einem sicheren Ort für alle Menschen zu machen.