Schwerer Luftangriff auf Herdecke

Herdecke. Dieser wochenkurier-Beitrag fußt auf Forschungsergebnissen des Herdecker Geschichtsprofessors Dr. Gerhard E. Sollbach.

Ein B-17-Langstreckenbomber. 13 dieser Maschinen führten am 23. März 1945 den Luftangriff auf Herdecke aus.

Der heutige 23. März war vor 66 Jahren ein schwarzer Tag für die Stadt Herdecke und das, obwohl die Frühlingssonne von einem wolkenlosen Himmel strahlte. An diesem Tag erlebten oder vielmehr erlitten die Herdecker einen schweren Luftangriff. Es war der einzige auf die kleine Ruhrstadt während des Zweiten Weltkriegs. Bis dahin war Herdecke, abgesehen von einzelnen Not- und Fehlabwürfen von Bomben, das Schicksal der benachbarten Ruhrgebietsstädte erspart geblieben. Die hatten die immer verheerenderen alliierten Bombenangriffe inzwischen weitgehend in Ruinenlandschaften verwandelt. Doch an diesem 23. März 1945, nur knapp drei Wochen, bevor der Krieg für den Ort mit der Besetzung durch US-Truppen endete, und nur sechs Wochen vor dem endgültigen Kriegsende, traf es auch Herdecke.

In den Mittagsstunden dieses unheilvollen Tages, es war übrigens ein Freitag, griff ein aus schweren viermotorigen B-17-Bombern der 8. US-Luftflotte bestehendes Geschwader Herdecke an. Auf das Bahnhofsgelände und die angrenzende Oberstadt ging ein Bombenteppich nieder. Ein weiterer fiel östlich davon auf das allerdings überwiegend aus Wald und Feldflur bestehende Gelände der Wittbräucke. In dem drei Tage später angefertigten Bericht der örtlichen Luftschutzpolizei wird die Zahl der abgeworfenen Sprengbomben auf 800 bis 1.000 und diejenige der Stabbrandbomben auf 200 bis 300 beziffert. Nach alliierten Unterlagen ist bei dem Angriff eine Bombenlast von fast 40 Tonnen zum Einsatz gekommen. Bei dem Angriff wurde auch eine auf dem Gelände des Herdecker Bahnhofs nach Aussagen von Zeitzeugen wegen Zerstörung des weiteren Schienenwegs abgestellte schwere Eisenbahnflak-Batterie mit vier Geschützen getroffen, die mitsamt der Munition in die Luft flog.

Bahnhofsgelände und Oberstadt zerstört

Der bei dem Luftangriff am 23. März 1945 zerstörte Bahnhof in Herdecke - im Hintergrund die Ladestraße; Aufnahme nach dem Krieg

Die dadurch ausgelösten zwei bis drei schweren Explosionen zusammen mit den Bombenabwürfen verwüsteten das Bahnhofsgelände vollständig und machten fast die gesamte Herdecker Oberstadt zu einem Trümmerhaufen. 22 Wohnhäuser, die meisten davon in der oberen Hauptstraße – sie hieß damals Adolf-Hitler-Straße – wurden total zerstört, 19 weitere erlitten schwere und 49 mittelschwere Schäden. Auf dem Gelände der Fabrik für eiserne Fässer von E. Buchwald etwas oberhalb des Bahnhofsbereichs erhielt das Verwaltungsgebäude einen Volltreffer. Sprengbomben richteten aber auch an den dortigen Fabrikhallen sowie auf dem etwas davon entfernten Werksgelände der Firma Idealspaten und Schaufelwalzwerk Schäden an.

Einen Tag nach dem am 23. März 1945 erfolgten Angriff auf Herdecke überflog ein alliiertes Aufklärungsflugzeug das Stadtgebiet und machte diese Aufnahme. In der oberen linken Ecke erkennt man die Zerstörungen auf dem Bahnhofsgelände und im Bereich der Oberstadt. Die Bombentrichter im Umfeld bezeugen, dass Sprengbomben auch im weiteren Umkreis niedergegangen sind.

600 bis 700 Herdecker und damit fast jeder zehnte Einwohner verloren durch diesen Luftangriff, der nur wenige Minuten gedauert hatte, ihr Zuhause. Noch tragischer aber war, dass 16 Herdecker Bewohner, darunter auch drei russische Kriegsgefangene und zwei so genannte Ostarbeiterinnen, bei dem Angriff ums Leben kamen. 16 weitere Personen wurden verletzt und zehn verschüttet. Die Zahl der getöteten Flaksoldaten der Eisenbahnflak-Batterie auf dem Herdecker Bahnhofsgelände konnte schon damals nicht ermittelt werden und ist bis heute unbekannt.

Verschiebebahnhof Hengstey das Ziel

Doch Herdecke stand während des gesamten Zweiten Weltkriegs nie auf der Zielliste für alliierte Bombenangriffe. Das hatte Gerhard E. Sollbach schon vor einiger Zeit bei seinen Forschungen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs in der hiesigen Region eindeutig festgestellt. Die Kleinstadt, die damals – einschließlich des noch ländlichen Ortsteils Ende – ca. 7.000 Einwohner hatte und kein von den alliierten Luftkriegsplanern als kriegswichtig eingestufte Betriebe besaß, war einfach kein lohnendes Ziel für einen Luftangriff.

Die gewaltige Rauchentwicklung rührt von der Masse der auf seinerzeit auf den Gleisen in Hengstey geparkten und in Brand geratenen Eisenbahnwaggons her.

Wieso wurde Herdecke aber doch angegriffen? Diese Frage ließ Professor. Sollbach keine Ruhe. Auf der Suche nach einer Antwort durchstöberte er die heimischen und alliierten Archive. Im US-Nationalarchiv wurde er schließlich fündig. Er entdeckte den Bericht von einem am 23. März 1945 von der 388. US-Bombergruppe geflogenen Tagangriff. Auch die Uhrzeit stimmte – nur das Ziel war nicht Herdecke, sondern der Verschiebebahnhof in Hagen-Hengstey. Der Luftangriff wurde nämlich im Rahmen des von dem Alliierten Oberkommando am 17. Februar 1945 beschlossenen so genannten Ruhrabriegelungsprogramms geflogen, das die Zerstörung sämtlicher Verkehrswege und damit der deutschen Nachschublinien im Ruhrgebiet und im norddeutschen Raum zum Ziel hatte. Nach dem Bericht begann der Angriff des aus 157 viermotorigen schweren B-17-Langstreckenbombern (Flying Fortresses/Fliegende Festungen) bestehenden Verbands um exakt 13.06 Uhr und endete um 13.27 Uhr. Über 3.000 Tonen Sprengbomben wurden auf den zu dieser Zeit mit Eisenbahnwaggons vollgeparkten Verschiebebahnhof abgeworfen.

Gelegenheitsziel

Das aus etwa 7.600 m Höhe direkt zu Beginn des Luftangriffs auf den Verschiebebahnhof Hengstey am 23. März 1945 um 13.06 Uhr gemachte Angriffsfoto der 388. US-Bombergruppe.

Bis zu der Stelle war auch dieser Angriffsbericht für Prof. Sollbach im Hinblick auf das von ihm Gesuchte wieder einmal eine Enttäuschung. Doch der Schluss ließ ihn aufmerken. In militärisch-knapper Form hieß es dort nämlich, dass der Verband bei dem Anflug über Hagen heftig beschossen worden sei, auch von Herdecke aus, worauf eine aus 13 Maschinen bestehende Staffel einen Angriff auf das Ziel geflogen habe. Durch den Angriff seien auch zwei bis drei von den Besatzungen beobachtete besonders schwere Explosionen am Boden ausgelöst worden. Bei diesen Explosionen kann es sich nach von Feststellungen von Prof. Sollbach nur um die bei dem Angriff getroffene und explodierte Eisenbahnflak-Batterie auf dem Herdecker Bahnhofsgelände gehandelt haben.

Die von ihm gesuchte Antwort auf die Frage, wieso die Stadt Herdecke, die nie auf der Zielliste der alliierten Luftangriffe stand, dennoch Opfer eines Luftangriffs geworden ist, lieferten ihm schließlich die in dem Angriffsbericht hinter den Namen von Herdecke gesetzten zwei Buchstaben „t/o“ (target of opportunity = Gelegenheitsziel). „Das bedeutet aber“, so der Forscher, „dass der schwere Luftangriff auf Herdecke an diesem Tag gar nicht geplant, sondern durch einen zufällig vor Ort aufgetretenen Umstand veranlasst worden war.“ Seine Schlussfolgerung: „Nach allen jetzt verfügbaren Informationen kann dieser zufällige Umstand nur der Beschuss des Bomberverbands durch die auf dem Herdecker Bahnhofsgelände seinerzeit stecken gebliebene Eisenbahnflak gewesen sein.“ Um diese auszuschalten, wurde eine anfliegende Staffel des Verbands auf das Herdecker (Bahnhofs-)Gebiet angesetzt bzw. umgelenkt und Herdecke so zum „Gelegenheitsziel“. – „Für die betroffene Herdecker Bevölkerung war diese Unterscheidung, ob eigentliches oder Gelegenheitsziel, bedeutungslos. Ihr brachte der Luftangriff in jedem Fall vielfältiges menschliches Leid.“