Sehenswerte Siedlungen

An der Bruck- und Liévinstraße reihen sich zahlreiche sehenswerte Fassaden aneinander, allesamt in den 1920er Jahren entstanden. (Foto: Michael Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hohenlimburg. In Kürze erscheint in Hagen eine ehrenamtlich verfasste Broschüre zur heimischen Architektur. Im Mittelpunkt stehen mehrere Stadtrundgänge, die der hiesigen Baukunst zwischen circa 1875 und 1935 gewidmet sind. Der Kenner weiß: Es geht stilistisch um Spät-Klassizismus, Jugendstil, Historismus, Art Déco/Expressionismus, Heimatstil und Moderne/Funktionalismus.

Die Autorengruppe arbeitete unter der Regie von Elisabeth May (Osthaus-Museum). Zu den Touren gehört auch ein „Gehweg“ durch Hohenlimburg – ausgearbeitet von Michael Eckhoff (Hagener Heimatbund) und Widbert Felka (Heimatverein Hohenlimburg). Diese Tour startet im Weinhof, führt über Stennert-, Herren- und Kaiserstraße bis ins Nahmertal und nach Oege. Auch einige bedeutende Siedlungsbauten in Elsey wurden nicht vergessen. Der Broschüren-Text ist – sehr stark gekürzt – eine der Grundlagen des heutigen Beitrags in der wochenkurier-Serie zur Hagener Architektur vor hundert Jahren.

Entstanden unterhalb des Burgbergs an einer Lenne-Querung (erste Lennebrücke 1796) weist Hohenlimburgs Ortskern trotz etlicher Neubauten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nach wie vor eine Baugestalt mit „Altstadt-Charakter“ auf. Abgesehen von den älteren Fachwerkhäusern (teilweise noch aus dem 18. Jahrhundert) rund um den Marktplatz und von den neueren Bauten sind es vornehmlich zahlreiche Miets- und Geschäftshäuser aus der Ära um 1875/1925 (Historismus und Jugendstil-Einflüsse), die das Stadtbild prägen.

Gutes Beispiel

Hohenlimburgs Innenstadt stellt folglich ein gutes Beispiel für die Architektur-Entwicklung in der Kaiserzeit dar. Zeigen sich die Bauten der frühen Phase (Beispiel: Freiheitstraße 9) noch bescheiden dekoriert, erfolgte um 1890 die Hinwendung zu einer „pompöseren“ Gestaltung (Eklektizismus). Diese Hinwendung führt beispielsweise die 1892 im Auftrag desTextil-Industriellen Ribbert errichtete Villa Stennertstraße 3, heute bekannter als Villa Wälzholz/Bettermann, vor Augen; sie ist ein reich gegliederter Neorenaissance-Bau mit allerlei Zierrat und Stufengiebel.

Unmittelbar benachbart entdecken wir die ehemalige Sparkasse, Stennertstraße 7/Ecke Grünrockstraße, deren Schöpfer 1907 der bekannte Hagener Baumeister Peter Wiehl war. Ins Auge springen hier insbesondere die aufwändige Eckgestaltung und diverse Steinmetzarbeiten. Die Ex-Sparkasse mit ihren neoromanischen Formen ist zwar noch dem Historismus zuzuordnen, allerdings zeigt sich an ihr bereits eine Abkehr von der sonst um 1900 typischen „pompösen Baukunst“, das heißt, sie lässt schon eine leise Vorahnung von der sachlicheren Gestaltungsweise der Folgejahre aufkommen.

Baumeister Otto de Berger

Die beiden wichtigsten Architekten Hohenlimburgs waren um 1900/1930 Otto de Berger und Eugen Friederich. Beide Architekten bauten Fabrikanlagen, zahlreiche Fabrikantenvillen (etwa an der Kaiserstraße) und etliche Siedlungen, vor allem in Elsey.

Heimatforscher Widbert Felka: „Der 1879 geborene Otto de Berger stammte aus Peine in Niedersachsen. Nach Hohenlimburg kam er im Jahre 1903 durch eine Stellenausschreibung des Baumeisters Albert Loose. Im Jahre 1908 machte er sich vor Ort selbstständig, woraus sich ein überaus erfolgreiches Architekturbüro entwickelte.“ Otto de Berger stellte sich auf seinem Briefbogen 1930 so dar: „Architekt (BDA) und Bauingenieur. Technisches Büro: Hoch- und Tiefbau, Fabrikbauten, Gleispläne, Siedelungen.“

Zick-Zack-Friederich

Aus einem ganz anderen Teil Deutschlands kam Eugen Friederich (geboren 1892) an die Lenne: Er stammte aus Heilbronn, besuchte in Stuttgart die Oberrealschule, arbeitete in jugendlichem Alter vier Jahre in einem Architekturbüro dieser Stadt und erwarb danach, 1910, Kenntnisse im Zimmererhandwerk.“

Widbert Felka kennt auch in groben Zügen Friederichs weiteren Lebenslauf: „Nach neunmonatiger Tätigkeit bei einem Architekten in Godesberg am Rhein siedelte er Mitte 1920 nach Hohenlimburg über, wo er eine Anstellung bei dem Hoch- und Tiefbaugeschäft Gustav Möller & Comp. in der Mühlenteichstraße gefunden hatte. Er übte diese Beschäftigung bis Anfang 1921 aus, um danach dem Angebot zu folgen, die Bauabteilung von Hoesch Hohenlimburg zu übernehmen. Dort geht etwa die Planung des Oeger Federnwerks von 1924 auf ihn zurück.“

Um 1926/27 tritt er am Ort als selbstständiger Architekt in Erscheinung (BDA). Im Volksmund hatte er wegen seines zackenartigen Baustils den Spitznamen „Zick-Zack-Friederich“. Er machte sich darüber hinaus als Zeichner zahlreicher historischer Gebäude in Hohenlimburg einen Namen. Nach 1932 verliert sich seine Spur. „Im Hohenlimburger Adressbuch von 1934 taucht sein Name schon nicht mehr auf“, weiß Felka.

„Colonie Oege“

Herausragend unter den Bauten von Friederich: die „Colonie Oege“, Oststraße 31-71. Sie wird vom Zeitgeist der Weimarer Republik geprägt. Die frühere Hoesch-Arbeitersiedlung (erbaut 1922/27) stellt eine Mischung aus Art Déco, Expressionismus und Heimatstil dar. Den Eingang bilden auf der Westseite zwei „Torhäuser“ mit auffallenden Stufengiebeln. Ungefähr in der Siedlungsmitte deutet sich eine platzähnliche Erweiterung an. – Seit 1997 wurde die Siedlung privatisiert.

Elseyer Siedlungen

„In den Zwanziger Jahren setzte im zuvor eher landwirtschaftlich geprägten Elsey eine erste rege Bautätigkeit ein, vor allem durch den 1926 gegründeten Hohenlimburger Bauverein sowie in geringerem Umfang auch durch den älteren Beamtenwohnungsverein (BWV). Für die Planung der durch die Genossenschaften errichteten Elseyer Bauten zeichnen vorrangig Otto de Berger und Eugen Friederich verantwortlich,“ weiß Widbert Felka.

Im Einzelnen handelt es sich um vier Komplexe der Jahre 1927 bis 1929: erstens um eine zweigeschossige Wohnanlage der damaligen Beamten-Wohnungs-Verein eGmbH (BWV) an der heutigen Bruckstraße 2-8a/ Liévinstraße 12 (de Berger), zweitens um den zweigeschossigen BWV-Flügelbau Heidestraße 17/19 (de Berger); drittens um das fünfteilige Karree des Hohenlimburger Bauvereins Lindenberg-/Liévinstraße von 1928 (Friederich) mit Terrassenanlage sowie viertens um die Siedlung mit der damaligen Bezeichnung „Auf dem Krahenbrink“ mit Bauten von de Berger und Friederich unter Beteiligung von Architekt Sackermann (Bauverein). Die Krahenbrink-Siedlung, gelegen an einem Berghang, erschlossen durch eine mäandrierende Straße, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ehren des Gründers des Bauvereins, Georg Scheer (1889-1940), umbenannt. Die Gesamtanlage bildet – trotz etlicher Veränderungen – eine bis heute sowohl städtebaulich als auch architektonisch bemerkenswerte Einheit, obgleich es in den letzten Jahren aus Konsolidierungsgründen zum Verkauf einiger Häuser an Privatpersonen kam.

Marion Golling, Geschäftsführerin des Bauvereins, ergänzt: „Die gesamte Wohnsiedlung Georg-Scheer-Straße wurde seinerzeit in einem einzigen Kraftakt errichtet. Um das Erscheinungsbild und die Strukturen der historischen Wohngebäude zu erhalten, wurde bei der Ausführung der jüngsten Sanierungsarbeiten ein besonderes Augenmerk auf Details gelegt. Die am Gebäude befindlichen Ornamente wurden farblich herausgearbeitet und bilden einen interessanten Blickfang. Ganz im Einklang mit der ungewöhnlichen Fassade aus der Zeit der Weimarer Republik wurden die heutigen gesetzlichen Vorgaben im Energiebereich bei unseren Sanierungen sensibel umgesetzt. So erscheint Altes im neuen Glanz und wird für zukünftige Generationen bewahrt.Im Spätsommer dieses Jahres werden weitere Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite (Nr. 45-49) in der gleichen Ausführungsart saniert. So entsteht aus der Blickrichtung der Heidestraße ein geschlossenes Ensemble, welches optisch eine Einheit bildet.“