Senioren am Steuer

Hagen. (Red.) Die Deutschen werden immer älter – das gilt auch für die Autofahrer hierzulande. Von den rund 54 Millionen beim Kraftfahrtbundesamt registrierten Führerscheinen entfallen schon jetzt knapp 13 Millionen auf die Altersgruppe der über 65-Jährigen. Und der Anteil der Senioren am Steuer wird weiter steigen, denn die Generation der Baby-Boomer kommt bald ins Rentenalter. Doch mit dem Alter stellen sich Veränderungen ein, die Auswirkungen auf die Fahrsicherheit haben: Sehstärke, Beweglichkeit, Hör- und Reaktionsvermögen nehmen ab, die Fahrfitness lässt nach.

Aber wie geht man mit altersbedingten Einschränkungen um? Helfen freiwillige Checks und Fahrtrainings? Wie man im Alter sicher mit dem Auto unterwegs ist, dazu informierten Experten am Wochenkurier-Lesertelefon.

Hier die wichtigsten Fragen der Leser und die Antworten unserer Experten:

Mein Vater ist 76 und fährt zunehmend unsicher. Wie spreche ich das Thema an, ohne dass es wie eine Bevormundung erscheint?

Sandra Demuth: Ein Gespräch mit den eigenen Eltern über dieses sensible Thema ist nicht immer einfach, aber Sie sollten es dennoch anpacken. Machen Sie sich zuvor klar, warum Sie sich Sorgen machen und welches Ergebnis Sie erreichen möchten. Warten Sie einen ruhigen Moment ab und sprechen Sie Ihren Vater sensibel an. Vermitteln Sie ihm die Botschaft: „Ich stehe hinter dir, mache mir aber auch Sorgen um dein Wohlergehen.“ Seien Sie auf Ablehnung vorbereitet, bleiben Sie sachlich und geben Sie nicht sofort auf. Zeigen Sie außerdem Lösungen auf. Ideen und Tipps dazu liefert die Broschüre der „Aktion Schulterblick“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, erhältlich unter www.dvr.de.

Woran merke ich selbst, ob meine Fahrfitness nachlässt?

Michael Heißing: Längere Fahrten werden zunehmend als anstrengend empfunden, das Dämmerungssehen lässt nach und die Blendempfindlichkeit steigt an – andere Verkehrsteilnehmer werden erst spät oder nur unzureichend wahrgenommen. Zudem fällt der Schulterblick schwerer und komplexe Verkehrssituationen wie das Linksabbiegen oder Einfädeln bereiten Unbehagen oder Stress. Die meisten älteren Verkehrsteilnehmer stellen ihr Fahrverhalten allmählich auf diese Einschränkungen ein: Sie vermeiden Stoßzeiten oder Nachtfahrten, verzichten auf Überlandfahrten oder Touren in unbekannte Regionen, umgehen komplexe Verkehrssituationen oder reduzieren die Geschwindigkeit. So lassen sich viele kritische Situationen bereits im Vorfeld entschärfen.

Sagt mir mein Arzt, ob ich gesundheitlich noch fit genug fürs Steuer bin?

Michael Heißing: Bei bestimmten Erkrankungen und Medikamenten wird Ihr Arzt Sie von sich aus darauf ansprechen. Haben Sie unabhängig davon Bedenken bezüglich Ihrer Fahreignung, bitten Sie ihn um eine Beratung. Er wird individuell auf bei Ihnen bestehende, für die Verkehrssicherheit bedeutsame Einschränkungen eingehen und Ihnen entsprechende Verhaltensregeln vorschlagen.

Kann mir der Arzt das Autofahren untersagen?

Michael Heißing: Ihr Arzt wird Ihnen nicht den Führerschein wegnehmen. Er ist auch an die Schweigepflicht gebunden. Allerdings sind bei bestimmten Erkrankungen oder Medikamenten die Anweisungen Ihres Arztes durchaus verbindlich. Handeln Sie gegen diese ärztlichen Auflagen, verstoßen Sie gegen die Fahrerlaubnisverordnung. Alleine aufgrund Ihres Alters wird Ihnen Ihr Arzt jedoch keine Vorschriften machen. Vielmehr wird er Ihnen bei altersbedingten Einschränkungen Ratschläge anbieten und Ihnen Verhaltensweisen für eine sichere Verkehrsteilnahme vorschlagen. Im Einzelfall kann das dann auch heißen, dass es besser ist, auf das Autofahren ganz zu verzichten.

Kann ich meine Fahrsicherheit in der Praxis überprüfen lassen?

Prof. Dr. Georg Rudinger: Fahrsicherheitstrainings bieten unter anderen der TÜV, MPU-Anbieter sowie einzelne Fahrschulen an. Auch der ADAC bietet einen „Fahrfitness-Check“ und hat mit dem „60+ Training“ spezifische Fahrsicherheitstrainings für ältere aktive Kraftfahrer im Angebot.

Was wird bei einem solchen Test geprüft und was kostet das?

Tatjana Contzen: Es werden Verhaltensweisen, Reaktionsfähigkeit und -schnelligkeit in unterschiedlichen Verkehrssituationen getestet. Am Ende gibt der Fahrlehrer eine Einschätzung ab sowie Tipps und Hinweise zur Verbesserung der Fahrsicherheit. Beim ADAC beispielsweise kostet der so genannte „Fahrfitness-Check“ für Nicht-Mitglieder 69 Euro.

Was passiert, wenn der Prüfer feststellt, dass ich nicht mehr sicher fahre?

Tatjana Contzen: Um es klar zu sagen: Es handelt sich hier nicht um eine Führerscheinprüfung. Der Fahrlehrer ist vielmehr Beobachter, formuliert Tipps und Hinweise, wie sich die Fahrsicherheit verbessern lässt. Die Fahrerlaubnis kann auch nicht ohne weiteres entzogen werden. Diese Entscheidung obliegt dem Gericht oder der Verwaltungsbehörde.

Ab welchem Alter empfehlen Sie eine Überprüfung der Fahrsicherheit?

Sandra Demuth: Ältere Autofahrer sollten sich regelmäßig untersuchen lassen, noch bevor Probleme auftreten. Der allgemeine Check beim Hausarzt, den jeder ab 35 alle zwei Jahre durchführen lassen kann, ist ein guter Anlass, die Fahrtüchtigkeit anzusprechen. Zudem empfehlen wir ab einem Alter von 40 Jahren einen regelmäßigen Sehcheck, ab 60 Jahren einen Hörcheck sowie einen Check von Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit. Auch Beweglichkeit, Herz, Leber und das Nervensystem sollten untersucht werden. Da auch Medikamente einen Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit haben können, sollten Autofahrer ihren Arzt bei der Verschreibung stets danach fragen.

Warum sind solche Checks nicht gesetzlich vorgeschrieben?

Michael Heißing: Als freiwillige Maßnahme sind regelmäßige Checks der Fahrsicherheit unbedingt zu empfehlen, besonders wenn Sie Veränderungen in Ihrer Fahrsicherheit feststellen. Verpflichtende, regelmäßige Fahrfitness-Checks ohne konkreten Anlass würden jedoch einen enormen Aufwand bedeuten und ständen letztendlich in keinem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen für die Verkehrssicherheit – das belegen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen. Regelmäßige medizinische und psychologische Kontrollen zur Verlängerung der Fahrerlaubnis, wie sie in einigen europäischen Ländern vorgeschrieben sind, sind bislang den Nachweis schuldig geblieben, dass sie sich günstig auf die Verkehrssicherheit auswirken.

Können Fahrsicherheitstrainings altersbedingte Einschränkungen verringern?

Prof. Dr. Georg Rudinger: Untersuchungen aus Deutschland und den USA belegen die durchaus nachhaltige Wirksamkeit von Trainings- und Beratungsmaßnahmen bei älteren Kraftfahrern – sowohl beim fahrbezogenen Wissen als auch in der Güte der Fahrpraxis. Wie sich solche Ansätze in Unfallzahlen und -risiken niederschlagen, lässt sich derzeit noch nicht sicher sagen. Einzelne Studien konnten jedoch allein mit gezieltem Training von Gedächtnis, Denkprozessen oder Verarbeitungsgeschwindigkeit eine Unfallreduktion von etwa 50 Prozent erreichen.

Können moderne Autos altersbedingte Unsicherheiten ausgleichen?

Sandra Demuth: Fahrerassistenzsysteme helfen, sicherer unterwegs zu sein und unterstützen besonders ältere Fahrer dabei, ihre Wege unfallfrei zu erledigen. Besonders hilfreich sind der Notbremsassistent, Spurwechselassistenten und Lichtsysteme. Auch Parkassistenten sind sehr komfortabel. Allerdings ist es wichtig, dass der Fahrer die Funktionsweise der Assistenzsysteme gut kennt und durch sie nicht überfordert oder vom Verkehrsgeschehen abgelenkt wird. Beim Kauf eines Neuwagens sollte man gezielt nach den Systemen fragen und sich diese gut erklären lassen. Klar ist jedoch: eine beeinträchtigte Fahrtüchtigkeit können Assistenzsysteme nicht wettmachen.