Sie wollen helfen und nicht bevormunden

Wenn Berufsbetreuer Thomas Höfinghoff an der Tür steht, gewinnt er meist schnell Vertrauen. Den schlechten Leumund seiner Tätigkeit kann er nicht nachvollziehen. (Foto: Schievelbusch)

Hagen. (san) Das Loch war tief, in welches Dieter P. (Name von der Redaktion geändert) fiel. Nach 36 Arbeitsjahren in der Firma erhielt der Kunststoffformgeber die Kündigung. An ein „Kopf hoch, es geht schon weiter“ war da nicht zu denken. Der gelernte Elektriker hielt es eher mit der Vogel-Strauß-Politik und machte gar nichts mehr.

Das letzte Geld von seinem Arbeitgeber bekam er im vergangenen Juni, den allerersten Scheck von der ARGE gerade im Januar. In diesem letzten halben Jahr überlebte er irgendwie: mal schnorrte er hier ein paar Euro, mal gab man ihm dort ein Essen aus. Der Vermieter muss ein großes Herz gehabt haben, denn die Mietrückstände hätten problemlos zur Wohnungskündigung gereicht.

Ohne Hilfe geht’s nicht

Auf dem besten Wege in die Verwahrlosung – letzte soziale Kontakte hatten sich längst aufgelöst – klingelte es an der Haustür. Thomas Höfinghoff stand davor. Vom Amtsgericht geschickt, machte sich der Berufsbetreuer auf, gemeinsam mit Dieter P. dessen Leben neu zu regeln. Vielleicht hat der Vermieter das Gericht auf die Situation des Arbeitslosen aufmerksam gemacht, vielleicht ein anderer gutmeinender Bürger. Nach ersten Gesprächen wurde dann schnell klar: der Gestrauchelte kommt allein nicht mehr auf die Füße, allein gelassen würde es eher noch weiter abwärts gehen.

Schnell hat Dieter P. die Hilfe seines Betreuers angenommen. „Da galt es erst einmal, den Kühlschrank zu füllen und ganz einfach das Alltagsleben wieder zu erlernen,“ so Höfinghoff über den Beginn der “Zusammenarbeit“. Im nächsten Schritt  mussten alle Unterlagen geordnet, auch die Versäumnisse der ehemaligen Firma angemahnt werden, dann ging es zu den Ämtern. Nun darf der Betreute endlich mit Arbeitslosengeld rechnen. „Ich bin froh, dass Thomas mir geholfen hat und mir noch zur Seite steht, sonst wäre ich wohl obdachlos,“ erklärt Dieter, der sich rasch auf den zunächst für ihn “wildfremden Mann“ eingelassen hat.

„Trotzdem muss man sich für diese Tätigkeit immer wieder rechtfertigen. Nur wenigen ist bekannt, welche Hilfe sie im Sinne der Betreuenden leisten,“ bedauert der vom Gericht Bestellte. „Natürlich muss man immer wieder Überzeugungsarbeit leisten,“ weiß der Hasper Thomas Höfinghoff, der sich in seiner Branche als Querdenker sieht und resolut hinter seiner Sache steht.

Bedarf vorhanden

In Deutschland sind zur Zeit 1,3 Millionen Menschen auf Betreuung angewiesen, rund 12.000 berufliche Betreuer übernehmen die Beratung, Unterstützung und Vertretung dieser Menschen. Es handelt sich hierbei um einen recht jungen Beruf, der sich seit 1992 dynamisch entwickelt hat, als das Betreuungsrecht anstelle des ehemaligen Vormundschaftsrechts trat. Das Gesetz soll alten, kranken und behinderten Menschen, die sich im Leben schwer zurechtfinden, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben sichern und ihre Würde achten.

Ausüben kann die Tätigkeit des Berufsbetreuers jeder, der sich dazu im Stande fühlt und ein paar Voraussetzungen mitbringt: “Der Betreuer muss aufgrund seiner Lebens- und Berufserfahrung geeignet sein, in den einzelnen Aufgabenkreisen die Betreuung zu führen (Paragraf 1897 BGB).“ Betreuer kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen. Der Gesetzgeber hat das bewusst so gewollt. Und der Hagener Höfinghoff weiß: „Die Aufgabe ist vor allem psychisch sehr anspruchsvoll, kommt man doch in stets wechselnde Situationen.“ Liefe alles nach Plan, bräuchten die Menschen ja keinen Betreuer.

Gut abwägen

„Manchmal ist auch ein neutraler Außenstehender ganz gesund fürs Familienklima,“ plädiert Thomas Höfinghoff für das Einlassen auf den Berufsbetreuer. Verwandte und Freunde sind oftmals zu sehr gefühlsmäßig eingebunden. „Aber natürlich ist das Vertrauen das A und O.“ Betreute, die sich einmal auf die Hilfe eingelassen haben, empfinden die Tätigkeit eines Betreuers oftmals eher als Vorteil. Ein professioneller Betreuer ist besser in der Lage, beispielsweise Sozialanträge oder Haushaltshilfen durchzusetzen oder bei dementen Bewohnern dafür zu sorgen, dass die Medikamentengabe dem Wohl des Betreuten dient und nicht dem Ruhigstellen.

Ob ehrenamtlich oder beruflich, der Bedarf an Betreuern wird in den kommenden Jahren steigen, so die derzeitige Prognose – für Menschen wie Höfinghoff die Hoffnung, dass seine Tätigkeit den erwünschten Stellenwert in der Gesellschaft erhält.