Simons „Schock-TV“

Die Wehringhauserin Patricia Ketzel ist durch puren Zufall zum Film gekommen. Sie macht die Aufnahmeleitung für das Format „Comedy Street“. Dort steht sie auch schon mal selbst vor der Kamera und genießt es, Passanten aus der Fassung zu bringen. (Foto: Claudia Eckhoff)

Hagen/Iserlohn. (clau) Zum Fernsehen kam Patricia Ketzel durch den reinen Zufall. Die Sportpädagogin sollte einem befreundeten Werbefilmmacher aus der Patsche helfen und nur vertretungsweise hinter den Kulissen Kinder betreuen, die in einem Spot mitwirkten. Inzwischen ist die Wehringhauserin dick im TV-Geschäft. Sie macht Aufnahmeleitung, führt Regie, spielt Mädchen für alles am Set – und steht in Sachen Comedy gerne auch mal selbst vor der Kamera.

Die Leute schocken

Die 33-Jährige arbeitet seit zwei Jahren mit Simon Gosejohann zusammen. „Comedy Street“ heißt das beliebte Spaß-Format, das jeweils in mehrwöchigen Staffeln einmal wöchentlich auf ProSieben ausgestrahlt wird.

„Simon verkörpert bei ‚Comedy Street‘ ungefähr zwanzig verschiedene Figuren: Polizist, Punk, Russe, Fräulein, Vater, Opa, kleiner Junge, Gothic, Zombi und etliche andere“, beschreibt Patricia Ketzel den Kern der Serie. „Als eine dieser Figuren taucht Simon irgendwo in der Öffentlichkeit auf verulkt, erschreckt, verblüfft oder schockiert mit seinem Verhalten oder seinem Aussehen die Leute. Wir filmen ihre Reaktionen auf Simon und produzieren daraus zweiminütige Clips.“

Arbeit im Team

Gedreht wird jeweils einige Monate lang fast im Dauerbetrieb zwischen Frühjahr und September. Dann ist manchmal ein Trupp von über fünfzig Leuten, meist aber nur ein sechsköpfiges Team tagtäglich zusammen unterwegs: Darunter Simon als Schauspieler, sein Bruder als Kameramann, die Maskenbildnerin, eine Fachkraft für die diversen Kostüme – und Patricia Ketzel. Sie macht „Set AL“ wie es heißt: Aufnahmeleitung. „Ich besorge die Brötchen für unser gemeinsames Frühstück. Ich sorge dafür, dass uns nie die Batterien ausgehen und kaufe vorher ein, was wir sonst noch brauchen“, zählt die gebürtige Hasperin auf. „Meine Hauptaufgabe aber besteht darin, die überrumpelten Zufallspassanten anschließend über unser Tun aufzuklären und vor allem ihr Einverständnis für die Ausstrahlung des Clips von ihnen zu bekommen.“

Das ist nicht immer leicht: Manche Zeitgenossen zeigen wenig Humor. Einige drohen gar mit dem Rechtsanwalt – „Besonders in Münster, wo fast jeder Jura studiert! Münster geht gar nicht!“ – Andere lassen sich bei einer Tasse spendiertem Kaffee dann doch noch zur Einwilligung erweichen.

Ein typischer Drehtag

„Wir arbeiten immer mit nur zwei der zwanzig Figuren an einem Tag. Dann schicken wir Simon als Punk oder Russe oder was auch immer jeweils drei Mal in ein Thema: Drei Cafés, drei Friseurläden, drei Pommesbuden und so weiter. Aus den sechs bis acht Drehstunden ergeben sich am Abend nicht mehr als vielleicht sieben verwertbare Filmminuten.“

Es wird viel improvisiert. Nur zwei oder drei Sätze stehen im Drehbuch, der Rest ergibt sich im Tun. Jede gedrehte Szene wandert sofort am Straßenrand im Auto, das als Basisquartier, Garderobe und Kantine dient, über den Rechner auf die Festplatte und von dort direkt in den „Schnitt“.

„Wenn wir im Ruhrgebiet unterwegs sind, kann jeder abends nach Hause fahren. Aber wir drehen auch in Berlin, Prag, in Paris oder auf den Skipisten in Östereich. Dann leben wir aus dem Koffer“, berichtet Patricia Ketzel. „In Berlin am Brandenburger Tor brauchen wir aber keine zwei Minuten zu drehen, bis Simon schon erkannt wird. Da muss ich ihm quasi als Bodyguard die Fans auf Abstand halten, damit sie uns nicht den Dreh versauen.“

Männerwirtschaft

Ganz großer Auftritt an der Hotelrezeption im Skigebiet: Patricia Ketzel und Serienstar Simon Gosejohann werden jeden Moment als superreiche Russen die ahnungslosen Gäste und das Personal aufmischen. Kamera läuft! (Foto: privat)

Während der Drehtage geht es familiär zu: Von früh bis spät ist man zusammen. Freie Tage gibt es kaum. Man isst zusammen, arbeitet zusammen, macht abends zusammen Party.

„Die Filmerei ist eine Welt, in der man selten wahre Freunde trifft“, warnt Patricia Ketzel. „Man tut gut daran, sich an seine alten zu halten. Es ist eine Männerwirtschaft. Als Frau muss man sich gut verkaufen, einstecken können, aber auch austeilen. Man muss wissen, was man will und sollte sich ja vor allzu großer Nähe hüten.“

Jobben beim Film?

Ansonsten sei der TV-Job gut bezahlt, gesteht sie ein, aber auch unsicher. Viele Kollegen in der Branche, etwa in der Requisite, seien selbstständig und müssten sich dauernd neu bewerben und auch offen sein für Auslandseinsätze. Die meisten seien deswegen Singles oder hätten Lebenspartner, die ebenfalls beim Film arbeiten. Andererseits: „Über sechzig Prozent der Leute beim Film sind Quereinsteiger und ungelernt. Wer pfiffig ist und fleißig, findet hier seine Chance“, glaubt Patricia Ketzel. „Es gibt in Köln genug Komparsenagenturen, die immer wieder Leute suchen. Einfach mal bewerben!“

Guter Hintergrund

Auf die Frage nach ihrem Beruf antwortet die ehemalige Schülerin der Gesamtschule Haspe am Kirmesplatz immer mit „gelernte staatlich geprüfte Gymnastiklehrerin“. Ihr persönlich gibt die Filmerei einerseits Abwechslung, andererseits einen guten Hintergrund für ihr jüngstes Projekt. Mit Partner Matthias Buchweitz zusammen hat sie alles auf eine Karte gesetzt und in Iserlohn unter dem Namen „switch“ ein Sport-Modegeschäft eröffnet. Mutig…