Auf dem Gros Morne Mountain

Hagen. (ME) Der vor Ort für seine Forschungen zur Geschichte des Hagener Raums bekannte Geschichtsprofessor Dr. Gerhard E. Sollbach ist auch ein begeisterter Naturfreund. Doch nicht nur das (nördliche) Sauerland ist sein regelmäßiges Wandergebiet. In der kanadischen Wildnis war er ebenfalls schon mehrmals mit Rucksack und stets allein unterwegs (der wochenkurier berichtete mehrfach). In diesem Herbst war von ihm das westliche Neufundland und das südöstliche Labrador als Ziel gewählt worden.

Auf wochenkurier-Wunsch erzählt er von seiner Tour:

Beginn mit Unwetter

Die Tour begann mit der Überfahrt auf der Nacht-Fähre von North Sydney im Norden der kanadischen Ostprovinz Nova Scotia nach Port aux Basques im Südwesten der Insel Neufundland. Das Abenteuer fing auch sehr vielversprechend an. Es war nämlich ein warmer Frühseptember-Tag. Auch am Morgen nach meiner Ankunft in Neufundland schien die Sonne. Doch je näher ich meinem ersten Ziel kam, dem berühmten „Gros Morne National Park“, desto mehr zog sich der Himmel zu.

Noch bevor ich die rund 300 km zunächst auf dem Trans Canada Highway und dann weiter an der Westküste hinauf auf der 430 N bis zum Parkeingang zurückgelegt hatte, brach ein Unwetter mit Sturm und Sturzregen los, das auch anhielt. An einen Zeltaufbau war daher nicht zu denken. Zu meinem Leidwesen musste ich mir daraufhin außerhalb des Parks zunächst eine Unterkunft suchen und auf besseres Wetter warten. Das wechselhafte Neufundland-Wetter hatte ich aber auch eingeplant und deshalb insgesamt fünf Wochen für meinen Aufenthalt vorgesehen.

Kalte Verpflegung

Zwei Tage später herrschte dann tatsächlich wieder sonniges, wenn auch immer noch sehr windiges Wetter. Sturm und Regen sollten mich auf meiner Reise weiter begleiten und immer wieder für kurzfristige Änderung meiner Tagesplanung sorgen. Dem fast ständigen starken bis stürmischem Wind hatte ich es auch zu verdanken, dass ich tagelang nichts Warmes bekam. Ich hatte mir zwar einen Camping-Gaskocher gekauft. Doch der Wind blies immer wieder die Flamme aus, so dass ich nach einigen Versuchen aufgegeben habe.

Andererseits hatte der Wind auch sein Gutes. Er hielt mir nämlich die hier und besonders in Labrador angriffslustigen blutsaugenden Moskitos und die kleine Hautstücke herausschneidenden Schwarzen Fliegen weitgehend vom Leib.

Gros Morne Mountain

Aber jetzt galt es erst einmal, das schöne Wetter für mein eigentliches Vorhaben, das Wandern in der Wildnis, zu nutzen. Durch den Park ziehen sich die bis in die Nordspitze der Insel reichenden Long Range Mountains, die eine Verlängerung der sich an der Ostküste der USA erstreckenden Appalachen sind. In dem Park befinden sich zweifellos die eindrucksvollsten Teile dieser teils dicht bewaldeten, teils felsigen Bergkette. Dazwischen gibt es ausgedehnte Sümpfe, zahlreiche Seen und Flüsse sowie tobende Gebirgsbäche. Die großartige Schönheit der Natur sowie die abwechslungsreiche Landschaftszenerie waren auch ein Grund dafür, dass der Park 1987 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurde.

Namensgeber für den Park ist der Gros Morne Mountain, zu dem auch ein Trail hinaufführt. Der ist zwar nur 16 km lang, hat es aber in sich. In der Park-Broschüre wurde er mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad versehen. Das hätte ich besser ernst nehmen sollen. Der Weg führt zunächst langsam ansteigend durch Wald, später folgt Krüppelwald und schließlich hört die Vegetation auf und man landet in einem von einem mäandernden Bach durchflossenen Tal. Hier beginnt der eigentliche Aufstieg, der über eine steile Geröllhalde führt, wobei rund 400 Höhenmeter zu bewältigen sind.

Eisiger Wind

Vor dem Aufstieg warnt ein Schild in den beiden Landessprachen Englisch und Französisch noch eindringlich vor den Gefahren. Ich bin Wanderer, aber kein Bergsteiger. Da auf der Geröllhalde kein Weg vorhanden ist, sondern jeder sich seinen eigenen Weg suchen muss und man bei drei Schritten häufig mindestens einen wieder abrutscht, war es ein beschwerlicher Aufstieg. Aber aufgeben kam nicht in Frage. Nach gut einer Stunde hatte ich es geschafft – und was empfing mich da? Zunächst ein heftiger und eisiger Wind. Doch darauf war ich vorbereitet.

Nicht vorbereitet war ich aber auf das, was ich dann erblickte: Eine riesige trostlose Fläche von durch Frosteinwirkung zersprungenem Gestein, ein so genanntes Felsenmeer. Das muss noch überwunden werden, bis man zum eigentlichen Gipfel kommt. An dem Gipfelschild, das die Höhe des Gros Morne Mountain mit 806 m angibt, traf ich auf eine junge Wanderin. Die fragte mich sogleich, ob sie ein Foto von mir mit dem Gipfelschild machen sollte. Deshalb kann ich meine „Leistung“ auch bildlich belegen. Der weitere Weg war erneut anstrengend – weil der Wind noch ständig zunahm und direkt von vorne kam. Ich musste mich regelrecht vorwärts kämpfen.

Doch warum muss man dann auf den Gros Morne Mountain? Die große Attraktion ist hier der Blick mehrere hundert Meter hinunter in die Schlucht des Ten Mile Pond. Doch daraus wurde nichts. Ich wagte mich bei dem inzwischen zum Sturm gewordenen Wind einfach nicht an den Rand der Schlucht, da ich fürchten musste, mitsamt Rucksack hinunter gefegt zu werden…

Alle Teile der Serie:

  1. Auf dem Gros Morne Mountain
  2. Doppelt Glück gehabt
  3. „Highway“ zum Fürchten
  4. Das Land, das Gott Kain gab