Sonntags Sahne satt

Boele. (NO, 01.05.10) „Schön war‘s früher, das waren bessere Zeiten als heute“, erinnert sich Gianfranco Collato gern an die Vergangenheit. „Sicher, die Leute mussten alle hart arbeiten, aber die Stimmung war besser. Man war entspannter. Nicht so abgehetzt wie heute.“

Gianfranco Collato kann sich eigentlich nicht beklagen. Ganz in Weiß und recht entspannt sitzt er in der Eisdiele an der Kirchstraße 15 (Boele) – immer bereit, Sohn Franco unter die Arme zu greifen. Doch vormittags ist nicht so viel zu tun. Da kann man vor dem 75. Geburtstag schon mal die alten Zeiten Revue passieren lassen.

Aus Verona nach Hagen

1955, Hagen Hauptbahnhof: Aus Verona kommend, steigt Gianfranco Collato erwartungsvoll aus dem Zug. Seine Schwester, mit einem Deutschen verheiratet, lebt schon in der Volmestadt, hier will der junge Mann ebenfalls sein Glück versuchen. An Arbeit herrscht kein Mangel. Er geht in die Fabrik, arbeitet auch bei der VARTA.

Der erste Eissalon

1960: Der gelernte Eiskonditor Gianfranco Collato – einer der ersten italienischen Gastarbeiter der Nachkriegszeit in Hagen – wagt den Schritt in die Selbstständigkeit: Gemeinsam mit seinem Bruder Cesare eröffnet er an der Reichsbahnstraße 11 in Vorhalle den ersten Eissalon. Italienisches Flair und eine Hauch von Dolce Vita: Früher war der Besuch in der Eisdiele ein bisschen wie Urlaub im Süden.

Expansion

Die Geschäfte laufen gut und immer besser. Mitte der 60er Jahre wird ein weiterer Eissalon am damaligen Lux am Hauptbahnhof eröffnet, 1970 – also vor 40 Jahren – öffnet die Eisdiele an der Kirchstraße 15 ihre Pforten. Mitte der 70er kommen die Standorte Boeler Straße 120, Grimmestraße in Boelerheide und Altenhagener Straße 92 hinzu. 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in den besten Zeiten im Familienbetrieb Collato beschäftigt, eine „Flotte“ von fünf Eiswagen fährt durch Hagens Straßen. „Unsere ersten Autos waren noch DKW-Zweitakter“, erinnert sich Gianfranco Collato schmunzelnd.

Beliebter Treffpunkt

Ganz anders als heute war es damals: „Ein Eiscafé war der ideale Treffpunkt besonders für junge Leute, so eine große Auswahl an Lokalitäten gab es früher ja noch nicht.“ Es gab auch noch keine Tankstellenshops, das Angebot in Kiosken hielt sich in Genzen, Supermärkte wie heute hatten sich auch noch nicht etabliert. „Und die Geschäftszeiten waren längst nicht so ausgedehnt wie heute. Gut für uns. An Kundschaft herrschte deshalb kein Mangel“, so Gianfranco Collato.

Sonntags Sahne

Auch die Eiswagen-Touren waren damals einträglich. „Wenn der Eiswagen klingelte, kamen die Kinder schon auf die Straße gerannt. Und sonntags war frische Sahne für die Kaffeetafel der Renner. Sprühdosensahne gab es noch nicht, und wer sie nicht selber machen wollte, wartete einfach auf Collato. 30 bis 40 Liter Sahne haben wir an Sonntagen in den 60ern und 70ern verkauft – pro Eiswagen!“

Bis heute

Bis 1986 arbeiteten die Brüder Gianfranco und Cesare zusammen, dann trennten sich ihre geschäftlichen Wege. 1993 eröffnete Sohn Franco, 48, einen eigenen Eissalon an der Hagener Straße 24 und übernahm 2000 den Traditionsstandort an der Kirchstraße 15 in Boele. Immer mit von der Partie: Gianfranco Collato und Ehefrau Juliane. Franco Collato: „Ohne sie geht es nicht!“ Heute hat der Familienbetrieb neun Mitarbeiter und zwei Eiswagen.

Eigene Herstellung

„Unser Eis kommt natürlich immer aus eigener Herstellung!“, betont Gianfranco Collato nicht ohne Stolz. Früher waren Erdbeere, Schokolade, Nuss, Vanille und Zitrone die gängigen Sorten – und sind auch heute noch beliebt -, später wurde das Angebot vielfältiger und exotischer. Wer kannte damals schon eine Mango? Heute im Trend: Latte macchiato, Ananas, Kekseis…

Was geblieben ist: Der harte Job. Eissalons zu betreiben ist kein Zuckerschlecken. „Wir haben von Februar bis November geöffnet, ohne Ruhetag“, so Gianfranco Collato. Seine Entscheidung, sich mit Eisdielen selbstständig zu machen, hat er jedoch keine Sekunde bereut.

Hier verwurzelt

Früher verbrachten die italienischen Eissalonbesitzer mit ihren Familien den Winter in ihrer südländischen Heimat. Und waren hin- und hergerissen zwischen alter und neuer Heimat. Die Collatos bleiben in Boele. „Hier ist unser Zuhause“, betont Gianfranco Collato. Und hier wird er auch seinen Geburtstag feiern: Der Senior im Hagener „Eisbusiness“ wird am Donnerstag, 6. Mai, 75 Jahre alt. Schon jetzt: Herzlichen Glückwunsch!