SonnTalk: Abwrackprämie

Mutter Hety ist mit ihren 98 Jahren noch ganz schön fit im Kopf und dazu herzensgut. Als Finanzoberhaupt der Familie hat sie Mann und Kinder immer gut versorgt durch gute und schlechte Jahre gelotst.
Alles hatte sie im Griff. In Pralinenschächtelchen unter der Bettwäsche bewahrte sie das aufgeteilte Geld für verschiedene Zwecke auf. Blieb etwas übrig, verschwanden die Scheine in eine andere Schachtel. Es war einfach immer Kohle im Haus.
Dabei wurden die beiden Kinder auch im Erwachsenenalter mit Geldgeschenken bedacht, ohne dass ihr Ehemann Hermann davon wusste. Denn Hermann war etwas geizig. Außerdem hatte er nie gelernt, Geld vom Konto abzuheben. Er wusste einfach nicht, wie’s geht. Und deshalb konnte Hety in finanziellen Sachen schalten und walten wie sie wollte. Dann ging Hermann in Rente und gleichzeitig kam das Online-Banking. Nun saß der Pensionär am Finanz-Hebel, denn er hatte die Vorgehensweise per Computer schnell gelernt. Hetys Allgewaltigkeit war vorbei, die Kontoführung lag nun beim Geizhals und alle Geschenke wurden kleiner.
Als Tochter Anna jetzt ihre Eltern besuchte, überraschte Mutter Hety sie mit einem nigelnagelneuen Hundert-Euro-Schein. „Der ist noch von der Abwrackprämie“ (das war 2009), hauchte sie leise, „den hatte ich zurückgelegt. Ich weiß nur nicht, ob der noch was wert ist. Wenn die Leute beim Bezahlen sagen, du hättest Falschgeld, dann sag einfach, der Schein wäre von deiner Mutter.“
„Mach ich Mama…“
Schönen Sonntag.