SonnTalk: Auf großem Fuß

Von Claudia Eckhoff
Das kleine windschiefe Häuschen wurde etwa Mitte des 18. Jahrhunderts an der ehemaligen Stadtmauer gebaut. Eine ganze Reihe von Handwerkern wie die einst typischen Nähnadelmacher wohnten und arbeiteten darin unter einem Dach. Noch in den 1920er Jahren bewohnte es eine neunköpfige Familie.
Hinter der niedrigen Eingangstür geht es links gleich hinauf in den ersten Stock. Hinter dem Treppchen, das nur für Hungerhaken gezimmert scheint, liegt ebenerdig ein dunkles „Kabuff“. Das war die Werkstatt mit Platz genug zum Einmal-um-die-eigene-Achse Drehen. Davor kochte die Hausfrau auf ihrem Herd. Von „Küche“ im heutigen Sinne konnte nicht im Entferntesten die Rede sein. Eng war‘s: Während sie das Feuer schürte und im Topf rührte, stand sie in ihren Pantinen schon fast auf der Luke im Holzboden, unter dem im Kellerloch das Schwein der Familie sein dunkles und feuchtes Leben fristete. Daneben ging es in die gute Stube, in der der letzte Hausherr tatsächlich trotz seiner sieben sich darin wohl schon stapelnden Kinder noch Platz für ein Klavier gefunden hatte.
Im oberen Geschoss müssen wohl alle geschlafen haben. Irgendwie. Erst in den letzten Jahren hatte man auf dem Treppenabsätzchen noch ein winziges Klosettchen mit Wasserspülung eingelassen. Nur für Schlangenmenschen, die sich winden können, geht es auf das zugige Dach. Nahe des Schornsteins gab es hier eine „Kammer“ für einen Kostgänger oder Tagelöhner, ohne dessen Miete die große Familie sich nicht hätte durchbringen können.
Da kommen wir Heutigen, die wir auf so viel größerem Fuße leben, aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Wir beanspruchen durchschnittlich 45 Quadratmetern pro Nase. Und wir streben nach noch mehr Freiraum. Bei jedem neuen Umzug kommen nämlich wieder um die zehn weitere Quadratmeter hinzu. Und Schweine lassen wir überhaupt nur noch portioniert ins Haus.
Schönen Sonntag.