SonnTalk: Ganz von allein

Von Claudia Eckhoff
Der Kindergarten liegt im Randgebiet der Innenstadt. Etliche der Eltern, die ihre Kinder morgens hier herbringen, sprechen kaum Deutsch. Die Familien kommen aus allen Teilen der Welt, viele von ihnen aus Krisengebieten.
Die Kinder selbst kümmert das wenig. Alia, Jessy, Nico, Tarek, Amir, Rocco, David, Zahra, Victoria, Nele, Rana, Nuri, Antonio, Josch und all die anderen spielen zusammen, was das Zeug hält. Sie verstehen sich notfalls auch ohne viele Worte.
Neulich beim gemeinsamen Frühstück waren sie wieder einmal um den großen Ess­tisch mit den kurzen Beinen versammelt und ließen es sich schmecken. Da fragte die vierjährige Djamila plötzlich ihre Erzieherin: „Sagt mal, hast du eigentlich auch eine Mama?“ Die 52-jährige Pädagogin zögerte ein wenig, bevor sie antwortete: „Ja, jeder hat doch eine Mama. Also auch ich. Aber meine ist schon im Himmel.“
Etliche der Kinder guckten fragend auf. Der fünfjährige Said runzelte die Stirn: „Im Himmel? Wie im Himmel?“ Die Erzieherin erklärte geduldig: „Sie ist nicht mehr hier auf der Erde. Sie ist schon gestorben und nun im Himmel.“
„Oh“, kam Saids betroffene Erwiderung. Aber dann wollte er es noch genauer wissen: „Wer war’s? Wer hat sie getötet?“
Bevor noch die gefragte Erwachsene antworten konnte, plusterte sich einer der Großen, der sechsjährige Tarek, auf und erklärte dem Kleineren: „Echt jetzt, Said, wir sind doch hier in Deutschland. Hier sterben die Leute auch ganz einfach so von alleine. Die werden hier nicht alle getötet.“
Schönen Sonntag – in einem fast schon gelobten Land in Frieden und Freiheit.