SonnTalk: Grabenkämpfe

Der Maulwurf hat sich über Monate immer westwärts durch unsere ganze Nachbarschaft gegraben. Bei Müllers habe man Chemie-Waffen gegen den unter Naturschutz stehenden pelzigen Gesellen eingesetzt, munkelt man empört hinter vorgehaltener Hand.
Bei Gerd und Rosi Patzlaff ist jetzt Endstation. Nahtlose Häuser, Einfahrten, Bürgersteige und Straßen stoppen den Maulwurfs-Zug. Es geht für ihn nicht weiter und umdrehen kann oder will er nicht. Die Patzlaffs lieben ihren Garten. Sie zupfen und rupfen und werkeln mit Leidenschaft darin herum und zeigen ihn gern ihren Gästen. Nun aber wird er durchwühlt, untergraben und gnadenlos mit immer mehr Erdhaufen verunstaltet.
Gerd Patzlaff verzweifelt allmählich. Er will dem kleinen fast blinden Erdwerfer mit den empfindlichen Ohren und dem feinen Geruchssinn wirklich nichts Böses zuleide tun. Er will ihn schonend von seinem Land vertreiben. Der solarbetriebene Maulwurfsschreck und die Stinkbomben vom Landhandel waren teuer, aber haben nichts genützt. Auch nicht die Holzpfähle und Eisenstangen, die Patzlaff mit Löffeln und leeren Blechdosen bekränzt in die Maulwurfslöcher gesteckt und unermüdlich mit einem Hammer bearbeitet hat. Ein Buttermilch-Gemisch hat man ihm empfohlen. Das hat er auf seinem Hanggrundstück gleich literweise von oben in die Maulwurfsgänge geschüttet. Das Tierchen ist geblieben. Wo soll es auch hin?
Nun experimentiert Hobby-Koch Patzlaff täglich in seiner Küche, aus der es sonst immer so verlockend duftet, mit natürlichen Anti-Maulwurfs-Rezepten: Brühe aus zermahlenen Knoblauchzehen, Rasierwasser, Seifenlauge und gekochte Nüsse, ein Mix aus Wasser und Meerrettich, ein Sud aus zerkleinerten Holunderblüten, Knoblauch und zerstoßenen Lebensbaumzweigen… Irgendwie wird es bei ihm offenbar zur Sucht.
Gestern hat es plötzlich ohrenbetäubend geknallt in Patzlaffs Garten. Alle Nachbarn stürzten aus ihren Häusern. Da stand Rosi Patzlaff schuldbewusst auf der Terrasse. Mit Feuerzeug und China-Böllern in der Hand.
Ob’s hilft?
Schönen Sonntag.