SonnTalk: Kurzer Draht

In Zeiten der sozialen Medien ist es völlig normal, mit Ende zwanzig noch täglich in Kontakt mit „Mutti“ zu stehen und sich gegenseitig auf Katzenvideos bei Facebook zu verlinken. Auch gemeinsam in einem Haus zu wohnen, ist vielleicht nicht bedenklich.
Wenn man darüber hinaus aber jeden Tag gemeinsam zur Arbeit geht, wird es langsam gruselig.
Neben der Tatsache, dass die Abnabelung dezent auf der Strecke bleibt und man am Abend mehr Gesprächsstoff hat, als dem Vater und Ehemann lieb ist, hat der kurze Draht zur Mutti auch enorme Vorteile. Vergisst das Kind am Morgen das Butterbrot oder die Spaghetti Bolognese, bringt die Mutter es voller Fürsorge hinterher. Eine warme Mahlzeit am Tag muss schließlich garantiert sein.
Während andere Kollegen nach der Mittagspause dann mit der Tomatensoße auf dem Hemd oder der Bluse leben müssen, bietet diese Mutter-Tochter-Beziehung ganz andere Möglichkeiten: Glücklicherweise sind beide gleich klein und zart gewachsen und teilen nicht nur das halbe Leben, sondern auch die Kleidergröße. Schmiert Kind sich also wie bereits vor 25 Jahren das Mittagessen lieber auf den Latz anstatt es zu essen, reicht ein Gang ins Nachbarbüro, um schnell das bekleckerte Oberteil oder die Hose gegen saubere Kleidung zu tauschen.
Selbst wenn es mal wieder frostig wird im Büro, muss sich niemand Sorgen machen: Einen ganzen Schrank mit wärmenden Utensilien hat die Mutter angesammelt, um dem Kind und natürlich auch den anderen Kollegen in der kalten Jahreszeit Wärme zu spenden.
Seit neuestem „dealen“ Kind und Mutter allerdings nicht nur mit Mahlzeiten und Kleidungsstücken, sondern auch mit Arbeitszeit. Zehn geputzte Fenster will die Mutter für vier Überstunden haben – ein klarer Fall der Grenzüberschreitung, nicht wahr? Das Kind hat trotzdem eingeschlagen.
Schönen Sonntag!