SonnTalk: Nicht wirklich wichtig

Von Claudia Eckhoff

Die Kollegin ist am Boden zerstört, weil es so ärgerlich ist, weil es so
teuer wird und weil sie dieses Übel doch so gar nicht verdient hat.
Sie war doch immer vorbildlich, hat ihr kleines Auto beim Fachhändler vor Ort
gekauft und es stets ordnungsgemäß gepflegt. Sie macht viel Strecke auf der
Autobahn und hat jeden Steinschlag immer zügig ausbessern lassen – in einer
Fachwerkstatt. Nun ist das Auto schon sechs Jahre alt. Vor kurzem hat sie dann
die hohe Versicherung ein wenig reduziert – und dann, ausgerechnet dann ist es
passiert.
In ihrem Viertel sind Parkplätze knapp und abends heiß umkämpft. Sie hatte
aber einen ergattert, gar nicht weit von ihrer Wohnung und auch noch ohne
überragenden Baum. Darauf achtet sie streng.
Aber in der Nacht gab es Sturmböen. Ein Dachziegel hat sich gelöst und ihr
dreist, unerwartet und unverdient die Windschutzscheibe und die Motorhaube
zerdeppert. Sie fühlt sich vom Schicksal zerschmettert.
Einen „Pechvogel-Verein“ will sie gründen. Sie sitzt am Schreibtisch, kaut
auf dem Bleistift und kämpft mit den Tränen. Womit trösten wir sie jetzt und
retten ihre Arbeitskraft? Der Hinweis, dass es ja diesen Monat zum Glück
Weihnachtsgeld gibt, hat nicht die erhoffte Wirkung. Und auch der Gedanke, dass
der dumme Ziegel ja auch sie selbst hätte treffen können, hellt die nebelgraue
Stimmung nur sehr kurzfristig auf.
Doch dann das: Draußen vorm Büro in der Fußgängerzone sehen wir ihn wieder
gehen. Gehen? – Ach was, der Mann schleppt sich auf verwachsenen Füßen an einer
Spezialkrücke mühsam dahin. Wir beobachten ihn öfters. Er muss in der Nähe
wohnen, trägt oft in seiner krummen Hand einen Einkaufsbeutel. Seine Langsamkeit
– sicher großen Schmerzen geschuldet – ist geradezu unwirklich. Wenn er sich der
Ampel nähert, sieht er sie sicher zwanzig Mal auf Rot schalten. Allein für die
Fahrbahnquerung braucht er mindestens zwei Ampelphasen.
Die Kollegin schaut ihm einen Moment zu.
Dann ergreift sie beherzt ihren Bleistift und den Telefonhörer und macht sich
an die Arbeit, als sei nichts gewesen. Nichts wirklich Wichtiges zumindest.
Schönen Sonntag.