SonnTalk: Notfall-„FuRs“

Von Claudia Eckhoff
Berufe entstehen und vergehen. Was ein „Gürtler“ ist, weiß kaum noch jemand. Selbst in unserer viel Metall verarbeitenden Region gehen langsam, aber ganz sicher irgendwann die „Drahtzöger“ aus.
Andererseits stehen neuerdings allüberall Heerscharen von Nagel-Designern und Tattoo-Stechern in Lohn und Brot. Wieder andere Berufe gibt es noch gar nicht, die wir aber dringendst bräuchten. Damit Notärzte, Rettungssanitäter, Feuerwehrleute und selbst Polizisten an Unfall- und Einsatzorten aller Art noch ihre Arbeit tun können, brauchen wir obereilig die neuen breitschultrigen, nahkampfgeübten „Freiraumschaffer und Rettungsermöglicher“. Das hört sich sperrig an. Nennen wir sie deshalb kurz „FuRs“. So wie beim Fußball oder beim Eishockey die Sicherheitsleute in grellen Warnwesten mit dem Rücken zu den Spielern stehen und mit ausdruckslosem Gesicht die Fans in Schach halten, so müssten sich die Notfall-„FuRs“ in Zukunft aufbauen: Mit dem Rücken zum Unfallopfer und den Rettern, um ihnen die Gaffer vom Leib zu halten.
Manche Berufe sind so selten, dass sie schon deshalb kein Mensch kennt. So wie die „Schmutzschätzer“. Die braucht man in der Zuckerrübenernte. Jede Rübe, die aus der Erde gezogen wird, hat Anhaftungen von „Schmutz“. Die „Schmutzschätzer“ beurteilen während der Zuckerrübenkampagne von Mitte September bis kurz vor Weihnachten den Schmutzanteil der direkt vom Feld gelieferten Rüben. Der wirkt sich nämlich stark auf die Berechnung des endgültigen Liefergewichts der süßen Wurzeln aus.
Politisch ackern will man bald auch wieder im Berliner Bundestag – für das Wohl des ganzen Landes. Hoffen wir, dass es nicht zu schmutzig wird.
Ob die Politiker und Volksvertreter auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung in neuer, nach rechts verrückter Zusammensetzung gesittet ihre Arbeit tun können, ohne „FuRs“ oder gar „Schmutzschätzer“ in Anspruch nehmen zu müssen?
Schönen Sonntag.