SonnTalk: Richtig vorbildlich

Von Claudia Eckhoff
In Frankreich nimmt man die Stoßstangen wörtlich und bedient sich ihrer gezielt zum Parkplatz-frei-Stoßen. Man schubst mit dem eigenen Auto den Vorderwagen ein wenig nach vorn und den Hinterwagen ein wenig nach hinten, ruckelt hier und schaukelt da, bis eine Parklücke entsteht, wo vorher an keine zu denken war.
In Süditalien braucht man viel Klebeband für die chronisch abrasierten Außenspiegel. Im Gewühle der Städtchen und engen Dörfer hilft nur die todesmutige Devise „Augen zu und durch“. Ohne Schrammen, Kratzer, Beulen und sonstige Blessuren kommt keiner davon. Kraftfahrzeugversicherung? Gar Vollkasko? – Gibt es nicht. Basta.
Die Sammeltaxis von Toni oder Guiseppe kämen in Deutschland niemals durch den Tüv. Die mangelnde Verkehrstüchtigkeit, der rostbedingte Durchblick bis auf die Fahrbahn und die nicht vorhandene KFZ-Versicherung werden aber wettgemacht. Etwa durch ein ganzes Bündel von Rosenkränzen, die am Rückspiegel baumeln, oder Portraitfotos von Mama, Papa und den Bambinis, die über dem Fahrersitz vom „Himmel“ strahlen.
Abgefahren. Bei uns im Norden geht es da ganz anders zu. Nach Recht und Gesetz und Straßenverkehrsordnung nämlich. Der junge Redaktions-Kollege Fred kommt aus der Mittagspause zurück und schüttelt noch fassungslos den Kopf über sich selbst. Er hat doch tatsächlich gerade durch die Stadt spazierend an einer roten Ampel gestanden, obwohl baustellenbedingt an dieser Stelle gerade gar kein Verkehr durchfließt. Und warum stand er da so kreuzbrav an der unbefahrenen Straße auf Grün gewartet?
Ihm gegenüber auf der anderen Straßenseite hatte sich gerade ein junger Vater zu seiner kleinen Tochter runtergebeugt und erklärte ihr über die Straße in Richtung Fred gestikulierend die lebenswichtige Sache rund um „Geh-Männchen“ und „Steh-Männchen“.
„Ach, da muss man doch einfach Vorbild sein“, seufzte Fred.
Richtig so. Vielen herzlichen Dank im Namen aller Eltern und Kinder.
Schönen Sonntag.