SonnTalk: Schwalbenkönig

„Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling“, heißt eine alte Bauernregel. Im Fußball müsste dieses Sprichwort allerdings anders lauten: „Eine Schwalbe gibt fast immer einen Elfmeter.“ Der gefiederte Gefährte hat damit bekanntlich nichts zu tun, es geht um das Vortäuschen eines Fouls.
Fällt der Schiedsrichter auf die möglicherweise artistisch vorgetragene Schauspielerei ein, gibt es einen „Elfer“. Der Gefoulte selbst macht dabei stets ein schmerzverzerrtes Gesicht – vermutlich um das verschmitzte Lachen aus seinen Zügen zu verbannen. Denn ist der „Schwalben-Plan“ einmal aufgegangenen, winkt fast immer ein sicherer Tor-Erfolg.
Legendär sind die verschiedenen Ausprägungen dieses Täuschungsmanövers. Andreas Möller hat im BVB-Dress einmal eine „Schutzschwalbe“ gemacht, weil er befürchtete, von seinem Gegenspieler gefoult zu werden. Oder der Brasilianer Rivaldo, der an der Eckfahne am Schienbein getroffen wurde und – wie von einem Faustschlag niedergestreckt – zu Boden ging.
Im Eishockey fliegen dagegen wirklich die Fäuste. Immer wieder geraten die großen Jungs aneinander und tragen ihre Meinungsverschiedenheiten mit bloßen Händen aus. Nicht selten fließt dabei Blut. Doch die beiden Gladiatoren werden nach dem Kampf von Freund und Feind für ihre Hingabe gefeiert.
Damit das auch so bleibt, hat die Deutsche Eishockey-Li­ga eine sogenannte „Divinglist“ angeordnet. Diving – zu Deutsch „tauchen“ – ist der englische Wortbruder zur deutschen Schwalbe. Wer sich im Eishockey hinwirft, zu Boden geht oder sich ins Gesicht greift, ohne wirklich gefoult worden zu sein, der kommt auf diese Liste.
Schwalbenkönige haben im schnellsten Mannschaftssport der Welt keine Chance. Wer auf dem Schriftstück auftaucht, hat sich mindestens schon zweimal des Vergehens schuldig gemacht. Der Wiederholungstäter muss eine Geldstrafe zahlen, die sich mit jedem Vergehen dieser Art erhöht. Ab der fünften Wiederholung wird der entsprechende Trainer mit einer Geldstrafe belegt. Der Sport, so hoffen die Verantwortlichen, soll dadurch fairer werden.
Ein Ziel, dass sich die kickenden Kollegen durchaus auch setzen könnten. Aber wer so gerne gegen Verträge verstößt wie manche Fußballer, wird auch das Regelwerk nach seinem Gusto auslegen. Ehrlicher Sport liegt wohl eher auf dem Eis.Schönen Sonntag.