SonnTalk: Tief im Geriech

Von Claudia Eckhoff
Neulich hatte die Juni-Sonne den heimischen Fichten-Wald geradezu gegart. Knisternd trocken war der duftende Nadelteppich am Boden. Sobald ich mich dem kleinen Kiefernstück näherte, roch ich aber nicht mehr das vertraute Sauerland, sondern würziges Gebirge. Gebirge im Hochsommer. Schweizer Alpen. Vor vielen, vielen Jahren, als ich vielleicht sieben oder acht Jahre alt war. Alpenrosen, Murmeltiere, baumelnde Beine auf dem Sessellift. Die zahmen Eichhörnchen, die den Wanderern auflauerten und praktisch aus der Hand fraßen. Der erste eigene Wanderstab. Almhütten. Da gab es „Ski-Wasser“ und dicke Stullen und ganz sämige Milch. Unterwegs glasklare Gebirgsbäche.

Darin glitzerten Steine, die durchsichtig aussahen, solange sie im Wasser lagen. Nahm man sie heraus, wurden sie stumpf. Vorbei der Zauber. Frisch gemähte Wiesen, auf denen wir uns duftende, pieksige Heubetten bauten. Braune Kühe mit unendlich schwarzen Augen. Oma, die eine Sonnenallergie bekam und nur noch mit breitkrempigem Hut, Sonnenbrille und buntem Poncho auf dem Balkon saß.
Überhaupt die Pension! Alt und nostalgisch, knarzende Holztreppen, dunkle Flügeltüren, Geweihe an den Wänden, oberdicke Teppiche, in denen man versank, urige Möbel und Samt-Vorhänge vor den tiefen Fenstern… Und – ja – und der junge Mann, der ebenfalls Gast im Hause war und irgendwie so gar nicht ins Bild passte. Der war nett und konnte Kartentricks. Hatte aber so kleine kreisrunde Narben-Flecken auf den Handrücken. „Da hab ich mir Zigaretten drauf ausgedrückt“, hat er schief grinsend gesagt.
Kurz nach unserer Abreise, so hörten wir, sei er verhaftet worden. Ein gesuchter Bankräuber sei er gewesen.
Alles das schlummert seit Jahrzehnten in mir. Heißer Sauerländer Kiefernduft weckt es. Ich habe es im – nein, nicht einfach im Gedächtnis –, sagen wir lieber ganz tief im Geriech.
Allen Lesern einen sommerlichen Sonntag.