SonnTalk: Tod im Klo

Von Anna Linne

Wenn die Oma aus Düsseldorf ihren Sohn in Hagen besucht, kommt sie nicht allein. Im Gepäck hat sie immer einen Käfig mit ihrem gelben Kanarienvogel. Dieser Hansi ist ihr größtes Glück, denn der singt soo schöön. Und das macht die Oma glücklich.

Hansi wird mit seinem Käfig immer und überall vors Fenster gestellt, damit er die Gesellschaft der heimischen Vogelwelt genießen kann. Raus darf der Gefiederte nie, denn er könnte wegfliegen und das würde die Oma nicht verkraften.

Immer, wenn die alte Dame ihr Mittagsschläfchen hält, kümmert sich der Sohn um den Piepmatz, der aufgrund seiner Gefangenschaft sein größtes Mitgefühl genießt.

Dann eines Tages die folgenschwere Entscheidung: Der Sohn öffnete die Käfigtür und entlässt Hansi in die Freiheit der Wohnung. Der Vogel schwirrt sofort ab, saust durch alle Zimmer und ist plötzlich verschwunden. Panik weicht dem Gefühl des Mitleids und die hektische Suche nach dem Vogel beginnt. Doch er ist nicht aufzufinden. Als letzte Möglichkeit durchsucht der Sohn das Badezimmer nach dem Tier und findet den gefiederten Freund seiner Mutter schließlich in der Toilette – ertrunken.

Vor Schreck wie von Sinnen überlegt der Sohn hastig, was er nun tun könnte, um seiner Mutter die Wahrheit zu ersparen. Die kann schließlich jeden Moment erwachen. Er trocknet das nasse Bündel aus dem Klo mit einem Handtuch ab und legt das tote Tier wieder in den Käfig. Allerdings mit dem Kopf in den Trinknapf. Es dauert viele Erklärungen lang, bis die Oma verzeifelt begriffen hat, dass ihr Hansi offensichtlich  beim Trinken verunglückt ist.

Manchmal können Lügen ein Segen für beide Seiten sein.

Schönen Sonntag.