SonnTalk: Urteilspause

Kürzlich an einem südenglischen Kleinstadtbahnhof: In Morgendunst und Nieselregen steht ein junger Mann am Gleis und hält an einer Hand einen kleinen Jungen mit Rucksack, in der anderen eine Getränkedose. Der Mann selbst ist spindeldünn, hat ein ausgezehrtes Gesicht, eine Raspelfrisur und trägt kurze Hosen. Er ist überreichlich tätowiert. Er sieht insgesamt nicht gerade nach einem rosigen Bilderbuch-Papa aus.
Und sofort beginnt bei den Umstehenden das Gedankenkarussell sich zu drehen. Bestimmt lebt der Mann von der Familie getrennt. Der Kurze war sicher nur zu Besuch bei ihm und wird jetzt gleich wieder allein in den Zug gesetzt. Wie mag des dem Kleinen bloß ergehen bei „so einem“? Hoffentlich ist er bei „dem da“ nicht dem Suff ausgesetzt. Ob „der da“ überhaupt auf den Knirps aufpassen kann? Hat er ihm mehr zu geben als Fastfood, Vermüllung oder gar Gewalt? Armer kleiner Junge…
Doch dann beugt sich der Mann plötzlich liebevoll zu dem Kind hinunter und fragt: „Hast du dir denn überhaupt schon überlegt, in welches Museum wir heute gehen, wenn wir gleich in London sind?“ Und der Kleine hebt den Kopf, strahlt ihn an und sagt: „O ja, Papa, lass uns heute mal zuerst ins Britische Museum gehen und nachher dann noch ins Marine-Museum.“
Zur Verblüffung der anderen Reisenden sitzen sie Minuten später nebeneinander im Zug und fachsimpeln wie die „alten Hasen“ über verschiedenste Londoner Museen, die sie alle schon kennen oder demnächst besuchen wollen.
Offenbar machen Vater und Sohn wohl regelmäßig zusammen von ihrem Wohnort an der Küste Ausflüge in die Weltstadt und haben richtig Spaß ausgerechnet an Museen.
Verzeihung, lieber englischer Bilderbuch-Papa! Das Fehlurteil, das „Dem-äußeren-Anschein-auf-den-Leim-gegangen-sein“ gibt mir frische Impulse für die Fastenzeit: Wie wär’s denn zur Abwechslung mal damit, wenigstens bis Ostern auf vorschnelle Urteile zu verzichten und stattdessen grundsätzlich immer und überall mit dem Besten im Menschen zu rechnen?
Schönen Sonntag.