SonnTalk: Von zwei Seiten

Von Claudia Eckhoff

Das „junge Russland“ ist wieder bei uns zu Besuch. Die 16-Jährige bewohnt für
drei Wochen unser Gästezimmer, geht zur Schule und lernt Deutschland besser
kennen.
Zum vierten Mal weilt sie schon in der Region zwischen Bergischem Land,
Sauerland und Ruhrpott. Sie spricht hervorragend Deutsch, Englisch sowieso und
Französisch auch ganz leidlich. In Amsterdam war sie schon drei Mal, in Köln
ebenfalls. Von Reisen mit ihrer Mutter, einer Schulleiterin, kennt sie
Sternehotels von Griechenland bis Sri Lanka. Sie will Chirurgin werden. Sie ist
politisch hellwach und stark interessiert.
Menschlich verstehen wir uns glänzend. Dagegen ist das politische Parkett
aber extrem heiß.
Sie öffnet uns den russischen Kosmos. Der besteht aus: „Wir lieben Putin. Er
ist der beste. Wie ein Vater.“ Er macht in Russland die Nachrichten. Der
„Regierungs-Sender“ verkündet jeden Tag, was es so Neues gibt: Dass etwa Clinton
eine räudige Hündin sei, die Russland den Krieg erklärt hätte. Gut, wohlmöglich
gäbe es auch andere Nachrichtensender, gibt unser „junges Russland“ zu, aber das
interessiere eh‘ keinen, da höre keiner hin, das wolle keiner wissen. Was denn
der deutsche „Regierungs-Sender“ so über Russland und die Ukrainekrise meldet,
interessiert sie sehr. Staunend lässt sie sich erklären, wie bunt und frei und
international und durchaus widersprüchlich hierzulande die Presselandschaft
aussieht.
„Russische Hacker sollen Clintons E-Mails angegriffen haben? Haha! Das glaubt
ihr doch nicht ernsthaft!“, kreischt sie prustend. Zum Totlachen findet sie das.

Dass man sich in Deutschland sorgt, weil der neue US-Präsident Schlagzeilen
macht als Sexist, Rassist und Steuerbetrüger quittiert das „junge Russland“ mit
einem Schulterzucken und einem schiefen Lächeln. „Das ist doch normal“, sagt sie
und fügt noch ein altes russisches Sprichwort hinzu: „Was dem harten Russen noch
gut tut, bringt den verweichlichten Westeuropäer schon um.“ Junge, Junge.
Dennoch: Allen in Ost und West einen schönen Sonntag.