SonnTalk: Weit voraus

Von Claudia Eckhoff

Kürzlich am Vortag des ersten Advents saßen drei Frauen wartend an einer
Bushaltestelle. Eine vierte drehte danebenstehend unschlüssig einen noch
verpackten Abreißkalender in ihrer Hand. Schließlich legte sie ihn weg auf den
Deckel des Abfallbehälters. Sie könne damit einfach nichts anfangen, sagte sie.
Es sei ein Kalender mit christlichem Inhalt. Der sei ihr gegeben worden und sie
wisse eigentlich gar nicht, was sie damit solle. Und schon waren die vier Frauen
im Gespräch über den christlichen Glauben und über die Kirchen und wie man denn
dazu stehe.
Ein älterer, orientalisch wirkender Mann kam dazu. Er sah den herrenlosen
Kalender und beäugte ihn. Als der Bus kam, stiegen alle ein und die Frauen sahen
verwundert, dass nun der Mann den Kalender in der Hand hielt.
Was ihnen als ein Gegensatz erscheint, ist sich in der syrischen Wüste im
Kloster Dair Mar Musa al-Habaschi ganz nah. Orient und Okzident, Christentum und
Islam begegnen sich dort eigentlich auf starke Weise, natürlich inzwischen
bekämpft vom IS.
In der unwirtlichen Landschaft bauten Römer eine kleine Grenzbefestigung. Vor
1500 Jahren ließ sich ein Fürst in der Ruine 80 Kilometer nördlich von Damaskus
nieder, um asketisch zu leben und Gott zu suchen. Über Jahrhunderte blieb eine
kleine Gruppe frommer Männer am Ort bestehen. Eine Kirche wurde gebaut und
geschmückt. Im 17. Jahrhundert ging das Kloster unter.
Wiederbelebt wurde es erst 1982 durch einen italienischen, mittlerweile vom
IS entführten Jesuitenpater. Er suchte in der Einsamkeit und im einfachen Leben
seine Berufung – und den Dialog. Er ließ mit vielen Freiwilligen aus der Gegend
und aus Europa das Kloster wieder wachsen und gedeihen. Mönche und Nonnen leben
hier immer noch – trotz IS. Und regelmäßig kommen Muslime vorbei – meist welche,
die unter der IS-Schreckensherrschaft leiden.
Das Kloster steht unter der Schirmherrschaft der syrisch-katholischen Kirche.
Hier lebt das Christentum in katholischer und in orthodoxer Prägung. Aber auch
der Islam ist zu Gast. In einem bilderlosen Teil des Klosters beten die
muslimischen Besucher, Reisende und Pilger. Die christlichen Klosterleute feiern
mit ihnen das Ende des Fastenmonats Ramadan und gedenken des Geburtstags des
Propheten Mohammed.
Das stille Kloster Dair Mar Musa al-Habaschi in der syrischen Wüste ist der
großen, lauten Welt offenbar in Vielem weit voraus. Die dort lebende Nonne Carol
sagte unlängst in einem Interview: „Nicht Polarisierung, Spaltung oder Rückzug
bedarf es, um einen dritten Weltkrieg zu vermeiden, sondern Beziehung, Dialog
und echte Freundschaft. Vor dieser Herausforderung stehen wir heute.“
In diesem Sinne: Allen allerorten friedliche Festtage!