Spannende Marienkirche

Hagens größtes Gotteshaus: die an Anlehnung an mittelalterliche Vorbilder errichtete Marienkirche an der Hochstraße. (Foto: Michael Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Seit etwa zwei Jahren berichtet der wochenkurier in einer Serie regelmäßig über die Baukunst aus der Zeit zwischen etwa 1865 und 1933. Dabei wurde sicherlich eins deutlich: Wesentliche Teile der älteren Hagener Ortskerne – also beispielsweise die Zentren von Vorhalle, Boele, Altenhagen, Hohenlimburg, Haspe und Wehringhausen – werden nach wie vor ganz wesentlich von Bauten geprägt, die hauptsächlich in dieser Epoche entstanden sind.

Architekturgeschichtlich hat man es hier mit einem Bündel verschiedener Stilrichtungen zu tun. Los geht es noch mit dem von der Antike geprägten Spät-Klassizismus. Er zeigt sich zum Beispiel am alten Kreisgericht an der Prentzel-/ Ecke Hochstraße (hierin, unmittelbar neben dem Osthaus-Museum, befindet sich heute die Kulturverwaltung).

Nachahmung

Zum (Spät-)Klassizismus gesellte sich der sogenannte Historismus. Beim Historismus ging es darum, frühere (also historische) Stilrichtungen nachzuahmen. Besonders deutlich wird dies an Kirchenbauten. Hierbei kam besonders die mittelalterliche Gotik zum Zuge. Die Marienkirche an der Hochstraße huldigt ebenso diesem Zeitgeist wie etwa Sankt Michael in Wehringhausen oder die evangelische Kirche von Eppenhausen.

Um 1895 kam der Jugendstil auf, wenig später zudem der Heimatstil. Noch vor dem Ersten Weltkrieg trat außerdem das „Neue Bauen“ auf, das oft auch – vor allem bezogen auf die 1920er Jahre – mit Begriffen wie Funktionalismus oder Bauhaus-Stil verknüpft wird.

Kitsch?

Um 1900 beherrschten Historismus und Jugendstil die Szene. Ab 1905/10 wurden Jugendstil und Historismus von fortschrittlicheren Baumeistern jedoch zunehmend als völlig „verkitscht“ eingestuft. Die Forderung nach einem modernen, funktionalen Gestalten wurde immer lautstärker geäußert. Diese Forderung ging einher mit der Vorstellung, dass Häuser so geschaffen sein sollten, wie es der Zweck vorgibt. Ein amerikanischer Architekt, Louis Sullivan, brachte diese Idee auf einen kurzen, knappen Satz: „Form follows function!“ Deutsch: „Die Form soll der Funktion folgen.“

Stuck-Schnörkel – wie sie etwa an den Jugendstil-Hausfassaden der „Ära 1900“ üblich waren – hatten nun keinen Platz mehr. Der österreichische Architekt Adolf Loos sprach deshalb 1908 gar davon, ein unnötiges Ornament an einem Haus oder Gegenstand stelle gleichsam ein Verbrechen dar.

Rund um das Osthaus-Museum haben sich viele kleine „Sehenswürdigkeiten“ der Ära 1900 erhalten, so auch an den Häusern Hochstraße 46/48. (Foto: Michael Eckhoff)

All diese Entwicklungen lassen sich in teils herausragender Weise in Hagen nachvollziehen. Abgesehen von den weithin bekannten Bauten, die rund um Karl Ernst Osthaus entstanden sind (Hohenhof, Villa Cuno usw.), gibt es eine Fülle von „Objekten“ von architekturgeschichtlich besonderer Bedeutung, die in der Volmestadt in der Vergangenheit oft eher stiefmütterlich behandelt worden sind.

Nah beieinander

Hagens Innenstadt wurde zwar 1943/45 zu über 90 Prozent zerstört, dennoch haben sich sogar in der City einige „Inseln“ mit Jahrhundertwende-Baukunst erhalten. Das heißt: Um sehenswerte „Objekte“ aus der Zeit um 1900 sehen zu können, muss man in Hagen nicht unbedingt auf die Stadtteile „ausweichen“. Hauptsächlich rund um die Hoch-/ Berg-/Konkordia- und Frankfurter Straße lässt sich manch „Schmankerl“ entdecken.

An vorderster Stelle sei hier natürlich die „Insel“ rund ums Osthaus-Museum aufgelistet. Neben dem „Kunsttempel“, der bereits 1902 unter dem Namen „Folkwang-Museum als private Einrichtung des großen Mäzens Karl Ernst Osthaus eröffnet wurde, gehören zu dieser Insel beispielsweise das Marienhospital, die Marienkirche sowie das schon erwähnte ehemalige Kreisgericht von 1863/66. Der Architekt des früheren Gerichtsgebäudes war der Schinkel-Schüler Carl Ferdinand Busse.

Hochstraße 71 - ein städtisches Verwaltungsgebäude, das lange Jahre dem Wohnungsamt als Domizil diente. Errichtet wurde der Bau 1902 - nach Plänen des seinerzeit renommierten Hagener Architekten Peter Wiehl - als Hauptstelle der Sparkasse Hagen-Boele. (Foto: Michael Eckhoff)

Frühere Sparkasse

Dem Gerichtsgebäude gegenüber steht – postalisch: Hochstraße 71 – ein städtisches Verwaltungsgebäude, das lange Jahre dem Wohnungsamt als Domizil diente. Manche Hagener kennen es sicherlich auch noch als Sitz der Ostdeutschen Heimatstuben. Eine Zeitlang waren in diesem Gebäude unter anderem das Stadtarchiv und die Geschäftsstelle des Hagener Heimatbundes untergebracht.

Errichtet wurde der Bau 1902 – nach Plänen des seinerzeit renommierten Hagener Architekten Peter Wiehl – als Hauptstelle der Sparkasse Hagen-Boele.

Einer der Höhepunkte

Zu den Höhepunkten der Architektur in diesem Teil Hagens zählt überdies die Katholische Kirche St. Marien, Hochstraße 81. Ihr Architekt war Casper Clemens Pickel, ein Baumeister aus der Tradition der Kölner Dombauhütte. Die dreischiffige Hallenkirche von 1892/95 wurde im damals bei Kirchenbauten üblichen neogotischen Stil ausgeführt. Sie ist reich mit Details geschmückt. Über dem Haupt-Portal sehen wir ein Relief mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts. Und über den Seiten-Portalen können wir zwei Reliefs erblicken, die uns jeweils einen Mann samt Schriftzug zeigen.

Diese beiden Reliefs sind zwar noch recht neue Kunstwerke, dennoch wollen wir sie nicht unerwähnt lassen – stellen sie doch Gervasius und Protasius dar. Zwei Namen, die kaum ein Hagener kennt. Dennoch sind sie für die heimische Geschichte nicht ganz uninteressant.

In alter Tradition

Die Marienkirche muss – natürlich zusammen mit der Johanniskirche am Markt – in der Tradition der ersten Hagener Kirche gesehen werden. Allerdings wissen wir nicht, wann sie gebaut worden ist. Es gibt in der Heimatforschung immer wieder die Aussage, in Hagen könnte es schon um 800 dieses allererste Gotteshaus gegeben haben.

Doch diese Aussage ist nicht von Fakten untermauert. Weder gibt es ein Schriftstück, das diese Existenz beweist, noch einen archäologischen Beweis. Und sollte tatsächlich schon so früh eine Kirche im Bereich des Volme-Unterlaufs gestanden haben, bliebe immer noch die Frage, wo sie sich befand. Es muss nicht zwingend an der Stelle gewesen sein, wo sich heute die Johanniskirche erhebt.

Sankt Marien: Die dreischiffige Hallenkirche von 1892/95 ist reich mit Details geschmückt. (Foto: Michael Eckhoff)

Gervasius und Protasius

Die real vorhandene früheste urkundliche Erwähnung der Hagener Kirche weist hingegen eher ins späte 11. Jahrhundert. Darin ist von einer Hagener Kirche mit dem Namen „Gervasius und Protasius“ die Rede. Seit wann diese so hieß, wissen wir nicht. Was wir aber sicher wissen, ist die Tatsache, dass sie nicht allzu lange diesen Namen trug. So soll bereits eine um die Mitte des 12. Jahrhunderts errichtete Kirche – die bis Mitte des 18. Jahrhunderts existierte und für die es auch archäologische Belege gibt – den Namen der Heiligen Urban und Georg getragen haben.

Doch zurück zu Gervasius und Protasius und somit zu zwei frühen Christen und Märtyrern. Diese beiden Männer tauchen in Deutschland nicht gerade häufig als Namenspatrone von Gotteshäusern auf. In Altenrüthen nahe Warstein steht eines der wenigen Kirchenexemplare dieses Namens.

Einer Legende zufolge waren Gervasius und Protasius Zwillinge zur Zeit des berühmt-berüchtigten römischen Kaisers Nero. Die Römer hätten die Brüder in Rom gefangen genommen, nach Mailand gebracht und dort Gervasius mit Bleigeißeln zu Tode gepeitscht und Protasius enthauptet. Wahrscheinlicher ist es aber, dass beide erst um das Jahr 300 – in der Regierungszeit des Kaisers Diokletian – den Märtyrertod in Mailand erlitten haben. Im Grunde genommen spielt es aber keine große Rolle, wann genau sie gestorben sind. Wichtiger ist etwas anderes, nämlich die Tatsache, dass Reinhard von Dassel, Erzbischof von Köln, im Jahr 1162 die Gebeine von Protasius und Gervasius mit nach Deutschland brachte. Zum Machtbereich des Erzbischofs gehörte seinerzeit auch Hagen. Könnte hier ein Zusammenhang bestehen? Das hieße dann aber, dass die bisherige Datierung der Gervasius-Protasius-Kirche ins 11. Jahrhundert in Zweifel zu ziehen wäre.

Es sind nur zwei kleine Reliefs an einer neugotischen, also gerademal gut hundertjährigen Kirche, aber sie lassen den Betrachter einigermaßen ratlos zurück …