„Stalingrad – Überlebende berichten“

Dr. Reinhold Busch war bis 2003 in Hagen als Facharzt tätig. Seit seinem Eintritt in den Ruhestand widmet er sich verstärkt den deutsch-russischen Kämpfen im Zweiten Weltkrieg. Vor allem zum Thema Stalingrad hat er viele Bücher zu Papier gebracht. Auch in diesen Tagen ist wieder ein Werk herausgekommen: „Stalingrad – Überlebende berichten“. (Foto: Michael Eckhoff)

Hagen. (ME) „Stalingrad – bis heute hat das Interesse an dem hochdramatischen Geschehen vor 70 Jahren nicht nachgelassen“, sagt Dr. Reinhold Busch. „Ob Historiker oder Militärs, ob Politiker, Philosophen oder normale Menschen – niemanden lässt der Untergang der 6. Armee kalt.“ Auch den 70-jährigen Reinhold Busch nicht.

Busch war bis 2003 in Hagen als Facharzt tätig. Seit seinem Eintritt in den Ruhestand widmet er sich verstärkt den deutsch-russischen Kämpfen in der Metropole an der Wolga. Zahlreiche Bücher zum Thema Stalingrad hat er in den letzten Jahren zu Papier gebracht. Auch in diesen Tagen ist wieder ein Werk herausgekommen: „Stalingrad – Überlebende berichten“.

Als „letzter Tag von Stalingrad“ wird meist der 31. Januar bezeichnet. „Das ist nicht ganz richtig“, weiß Reinhold Busch. Am 31. Januar begab sich der Kommandeur der in Stalingrad eingeschlossenen deutschen Truppen, General Paulus, in Gefangenschaft. Doch es gab noch einen „Nordkessel“ – und hier waren die Kämpfe erst vor heute genau 70 Jahren, also am 2. Februar zu Ende.

Die Ärzte von Stalingrad

Reinhold Busch arbeitet seit 2003 an einer Buchreihe unter dem Titel „Geschichte der Medizin – Die Ärzte von Stalingrad“. Sieben Bände erschienen bereits in dieser Reihe, weitere sind in Planung. Darin hat es sich der frühere Facharzt zur Aufgabe gemacht, die Erinnerungen ehemaliger Angehöriger der Sanitätseinheiten der 6. Armee zu veröffentlichen und die Geschichte der Feldlazarette und Hauptverbandsplätze in Stalingrad zu rekonstruieren.

„Dieses Thema wurde in der Geschichtsschreibung fast vollständig vernachlässigt,“ sagt Reinhold Busch, „obwohl Ende Januar 1943 der größte Teil der in Stalingrad eingeschlossenen deutschen Soldaten nicht nur chancenlos mit den Russen zu kämpfen hatte, sondern ebenso mit Krankheiten, Verwundungen oder Erfrierungen.“

Außerhalb der Reihe

Der aktuell erschienene Band ist indes kein Werk aus der Mediziner-Reihe. „Bei der Suche nach bisher unveröffentlichten Ärzte-Zeitzeugenberichten fielen mir – quasi als Nebenprodukt – weit mehr als hundert Interviews, Manuskripte, Tagebücher und ähnliche Beiträge zu.“ Einen Teil dieser Zeitzeugen – von jungen, einfachen Soldaten bis hin zum erfahrenen Offizier – lässt Busch nun über Stalingrad berichten.

Darin wird immer wieder deutlich, wie man sich von Hitler und der Armeeführung in Berlin hintergangen fühlte. „Erst am 27. September 1942 wurden wir von der Einkesselung unterrichtet“, schreibt beispielsweise der Unteroffizier Arthur Krüger, „nun begann für uns die bittere Zeit. Die uns versprochene Befreiung blieb aus, wir wurden unserem Schicksal preisgegeben In uns war eine verbissene Wut; wir fühlten uns verraten und verkauft. Junge Männer von 20 Jahren starben an Schwäche. Fleckfieber und Läuse plagten uns. Nur Verwundete kamen noch aus dieser Hölle raus. Der Wunsch war ein Tod ohne Schmerzen. Manche Kameraden drehten durch, sprangen aus der schützenden Stellung hinaus und wurden von den russischen Scharfschützen erschossen.“

Zwei Hagener

Unter den rund 50 Soldaten, die Busch zu Wort kommen lässt, sind auch zwei Hagener: Otto Schäfer und Dr. Adolf Voss.

Der seinerzeit 19-jährige Eckeseyer Autolackierer Otto Schäfer hatte Glück im Unglück – er war noch „rechtzeitig“ krank, wurde am 8. Januar mit einer „He 111“ ausgeflogen und kam in Krakau in ein Lazarett. Ein ähnliches Schicksal erlitt Adolf Voss. Der damals 31-jährige Jurist verfügte über russische Sprachkenntnisse und war zunächst am Osteuropa-Institut in Breslau tätig. In Stalingrad sollte er dann vornehmlich als Dolmetscher wirken. Auch er hatte Glück im Unglück: „Ich bekam Ende November 1942 einen Schuss in den Hals, der mir das Leben retten sollte.“ Er wurde mit einer „Ju 52“ ausgeflogen und gelangte letztendlich – provisorisch versorgt – nach einer achttägigen Tour im Güterzug nach Ulm ins Lazarett. Sowohl Schäfer als auch Voss haben den Zweiten Weltkrieg überlebt und nach Kriegsende in Hagen gewohnt.

Nur 6000 überlebten

Das neue Busch-Buch besteht hauptsächlich aus diesen Zeitzeugen-Berichten. Die militärische Situation beschreibt Reinhold Busch auch – aber nur sehr knapp in der Einleitung auf drei Seiten. „Auf eine eingehendere Erörterung der Hintergründe dieser Schlacht habe ich bewusst verzichtet.“

Die kurze Einleitung führt indes noch einmal den Stalingrad-Irrsinn vor Augen, wenn Reinhold Busch feststellt: „Etwa 90.000 meist verwundete, kranke, halbverhungerte Soldaten, viele mit Erfrierungen, gerieten in Gefangenschaft; annähernd 147.000 deutsche Soldaten waren gefallen, etwa 35.000 wurden ausgeflogen. Die meisten Gefangenen gingen auf den Todesmärschen und in den Todeslagern rund um Stalingrad zugrunde; nur rund 6000 von ihnen sollten die Heimat wiedersehen.“

(Das Buch „Stalingrad – Der Untergang der 6. Armee – Überlebende berichten“ ist über die ISBN 978-3-902732-05-7 zu beziehen.)