Steinzeit-Hagenerin hat ein Gesicht

Hagen. (th) Den Schädel einer 5600 Jahre alten Hagenerin, der 2004 in der Holthausener Blätterhöhle gefunden wurde, hat die Rechtsmedizinerin Dr. Constanze Niess unlängst unter ihre Fittiche genommen und versucht, das Aussehen der Frau zu rekonstruieren.

Das Ergebnis präsentierte sie am gestrigen Freitag gemeinsam mit dem heimischen Museumshistoriker Dr. Ralf Blank und Oberbürgermeister Erik O. Schulz im Foyer des Kunstquartiers an der Hochstraße. Niess zählt international zu den Experten auf dem Gebiet der Gesichtsrekonstruktion.

Als eine Art Repräsentantin Hagens wird die jungsteinzeitliche Hagenerin, die vermutlich zwischen 17 und 22 Jahre alt wurde, ab September in der Archäologischen Landesausstellung im LVR-Landesmuseum in Bonn zu sehen sein, bevor sie dann – dank einer Spende der Sparda-Bank – dauerhaft ins Vorhaller Frühgeschichte-Museum „Wasserschloss Werdringen“ zieht.

Natürlich konnte nicht das gesamte Aussehen rekonstruiert werden – so ist zum Beispiel die Gestaltung der Haare ein reines Phantasiewerk.

Bereits wenige Monate nach der Entdeckung der Knochen der jungen Frau stand das Alter der Skelettreste fest. Die C14-Labore der Universitäten zu Kiel und Oxford erbrachten eine ziemlich genaue Radiokarbon-Datierung der von ihrer Substanz sehr gut erhaltenen Knochen. Sie starb im Jungneolithikum, also in der späten Jungsteinzeit. Im Labor für Paläogenetik der Universität Mainz gelang 2013 die Entschlüsselung der in den Knochen enthaltenen DNA der jungen Frau.

Es stellte sich heraus, dass sie sich vorwiegend von Wild und Fisch ernährt hatte. Die junge Frau aus der Blätterhöhle in Hagen gehörte damit höchstwahrscheinlich zu einer Gruppe von Menschen, die es nach der bis dahin geltenden Lehrmeinung in der Jungsteinzeit eigentlich nicht mehr geben durfte: Jäger und Sammler. Einige Jahrhunderte vor dem Tod der jungen Frau hatte sich Europa durch die so genannte „Neolithische Revolution“ grundlegend verändert: Ackerbau und Viehzucht sowie sesshafte Bauern in festen Siedlungen lösten damals die Jägergruppen der Mittelsteinzeit ab. Dass noch vor 5600 Jahren im südwestfälischen Sauerland „Wildbeuter“ unterwegs waren, ist folglich eine Sensation.