Studenten mit Künstlerblick

Unter der Regie der Professorinnen Barbara Welzel und Bettina van Haaren (beide ganz rechts) nahmen 28 Studierende der Uni Dortmund den Hohenhof unter die Lupe. Mit dabei waren unter anderem Roland Baege (3.v.r.), Andrea Wegner-Kaminski (4.v.r.), Carolin Osthaus (5.v.r.) und Barbara Schulte (2.v.l.). Vor Ort in Hagen kümmerten sich um Katalog und Projekt: Rouven Lotz (l.), Birgit Schulte (3.v.r.) und Eva Pieper-Rapp-Frick (4.v.r.). (Foto: Michael Eckhoff)

Hagen. (ME) Im Hagener Osthaus-Museum ist in der Oberen Galerie noch eine Woche lang eine spannende Ausstellung über den Hohenhof zu besichtigen. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dortmund, genauer: mit dem Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft.

Der Hohenhof war schon von seinem Bauherrn Karl Ernst Osthaus nicht nur als privates Wohnhaus gedacht. Vielmehr sollte er als Modell für ein neues Wohnen dienen. Heute gilt er daher zu Recht als ein weit über Hagen hinausreichendes Musterbeispiel der frühen Moderne. Seinen unverwechselbaren Reiz hat er bis heute behalten.

Über 80 Arbeiten

Kunst und Wissenschaft vermögen beide auf ihre je eigene Weise zur Erkenntnis eines Ortes wie des Hohenhofs beizutragen. In einem Studierendenprojekt der Technischen Universität Dortmund öffneten sich im Sommersemester 2010 die künstlerische Erforschung und die wissenschaftliche Erschließung im Wortsinn gegenseitig die Augen. Präsentiert werden noch bis zum 8. Mai im Osthaus-Museum über 80 graphische Arbeiten, die in sehr unterschiedlicher Weise die sensible Formgebung des Hohenhofs ins „zeichnerische Visier“ nehmen.

Das Ziel der Seminare scheint erreicht, denn die Schönheit der einzelnen Raum-Objekte, die beeindruckende Anlage und das durchgängige Ornament bereicherten die an dem Projekt beteiligten 25 Studierenden der Bildenden Kunst nachhaltig. Hierbei ging es nicht um das dokumentierende, sachliche Annähern, sondern um die künstlerische Auseinandersetzung.

Viel wurde nachgedacht über das Herstellen von Spannung auf dem Papier: Stiftführung, Farbanlage, Komposition, Betrachterstandpunkte, Rhythmus, Kontraste, Schichtungen oder unterschiedliche Abstraktionsebenen waren Themen der Gespräche über die wachsenden Serien. Die Medienvielfalt ist groß. Viele Studierende brauchten die direkte sinnliche Wahrnehmung vor Ort und wählten Blei- und Farbstifte oder Aquarell als Mittel. Andere arbeiteten in zeitlicher und räumlicher Distanz mit dem Rechner, Fotomaterial oder in der Druckgraphik.

Ein begleitender Katalog mit zahlreichen Abbildungen dokumentiert und erläutert das Projekt aus der Sicht der Lehrenden, der Studierenden, des Osthaus-Museums und des Karl-Ernst-Osthaus-Bundes.

Immer wieder

Der Hohenhof steht seit längerem immer wieder im Mittelpunkt des Interesses – zuletzt aber vornehmlich, weil die klamme Stadt Hagen dringend nach Wegen sucht, entweder die Unterhaltungskosten für den Prachtbau zu senken oder die Einnahmen zu erhöhen. Eine „Denkwerkstatt“ sollte unlängst hierfür neue Ideen produzieren. Was dabei herauskam, lässt sich schnell mit zwei Sätzen schildern: Man solle überlegen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hohenhof den Bau eines Hotels zu ermöglichen. Dabei gelte es auszuloten, inwieweit der Hohenhof eingebunden werden kann, ohne dass dieses bewundernswerte Bauwerk beeinträchtigt oder gar in Mitleidenschaft gezogen wird.

Überregionale Reiseführer listen unter dem Stichwort „Hagen“ aktuell meist vier Sehenswürdigkeiten auf: das Freilichtmuseum im Mäckingerbachtal, Schloss Hohenlimburg, das Ruhrtal mit Werdringen und das Thema „Jugendstilstadt“. Wie bedeutet die hiesigen Jugendstil-Bauten für die gesamte Entwicklung dieser „Ära um 1900“ waren, ergibt sich auch aus einem der derzeit wichtigsten Standardwerke zum Thema „Was ist Jugendstil?“, veröffentlicht von der renommierten Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (Darmstadt). Die Autorin dieses Standardwerkes, die Professorin Stefanie Lieb, ist eine ausgewiesene Jugendstil-Expertin. Sie verweist darauf, dass Deutschland über fünf bedeutende Zentren dieser Epoche verfügt: Berlin, Weimar, München, Darmstadt – und eben Hagen.

Weltkulturerbe?

Präsentiert werden noch bis zum 8. Mai im Osthaus-Museum über 80 graphische Arbeiten, die in sehr unterschiedlicher Weise den Hohenhof ins „zeichnerische Visier“ nehmen. Unsere Abbildung zeigt „Gertrud Osthaus“ - eine Zeichnung von Elisabeth Bergerow. (Abbildung: aus dem Katalog „Der Hohenhof in Hagen“)

Im Zentrum der Hagener Geschehnisse stand damals insbesondere der „Hohenhof“ – heute ein Bauwerk von internationaler Bedeutung, eine Villa, die in Westfalen ihresgleichen sucht und die in einer Top-Ten-Liste der wichtigsten Bauwerke der Volmestadt garantiert auf einem der ersten drei Plätze landen würde. Auf den „Hohenhof“ weisen seit einigen Jahren sogar Autobahn-Schilder hin. Ferner gibt es neuerdings den Vorstoß zu prüfen, ob der Hohenhof nicht ein Kandidat für die Unesco-Liste „Weltkulturerbe der Menschheit“ sein könnte.

Zur Erinnerung: Bauherr war der bedeutendste Hagener Kunstmäzen, Karl Ernst Osthaus. Der am 25. April 1874 geborene Industriellenenkel (Großvater: Schraubenfabrikant Wilhelm Funcke) wuchs an der Elfriedenhöhe auf, wo der Vater, der Bankier Carl Ernst Osthaus, eine von dem Berliner Architekten Carl Gerard entworfene pompöse Villa besaß. 1896 starben Karls Großeltern und hinterließen ihrem Enkel ein beträchtliches Vermögen. Theoretisch hätte Karl nun ein Leben in Saus und Braus führen können, doch er war beseelt von einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein. Daher beschloss er, seine Heimatstadt Hagen zu einem kulturellen Zentrum Westdeutschlands zu machen. 1898 beauftragte er den Architekt der väterlichen Villa, Pläne für einen Museumsbau auszuarbeiten.

Nicht glücklich

Im Januar 1900 ist der Bau im Neu-Renaissance-Stil halb fertig. Osthaus scheint über das Aussehen nicht allzu glücklich zu sein, empfindet er doch immer mehr Sympathien für den neuen Stil, der damals in Mode kommt – für den Jugendstil. Im April 1900 besucht der junge Hagener den flämischen Künstler Henry van de Velde. Osthaus ist von van de Velde, dem „Ahnherr modernen Designs“, begeistert, holt den Belgier nach Hagen und bittet ihn, sein privates Museum an der Hochstraße zu Ende zu bauen.

Vier Jahre später nach der Folkwang-Gründung kauft Osthaus quasi vor den Toren Hagens ein riesiges Areal an, wo ein „Experimentierfeld modernen Bauens“ entstehen soll. Mittelpunkt der geplanten Siedlung soll das neue Wohnhaus der Familie Osthaus sein, der Hohenhof. Mit der Planung wird 1906 ebenfalls Henry van de Velde beauftragt. Er entwirft, ganz dem damaligen avantgardistischen Zeitgeist entsprechend, ein Gesamtkunstwerk, das zwar noch Anklänge an den Jugendstil zeigt, aber eigentlich schon den Weg zur Moderne weist, wie sie sich ab etwa 1910 zunehmend herauszuschälen beginnt.

Gemäß der Gesamtkunstwerk-Idee entwarf Henry van de Velde bis 1908 sowohl die Architektur als auch wesentliche Teile der Innenausstattung. Anders formuliert: von der „äußeren Hülle“ bis hin zu den Möbeln, Wanddekorationen, Lampen und sogar bis hin zum Geschirr ist alles „aus einem Guss“. Und sogar einige Kleidungsstücke, die Ehefrau Gertrud Osthaus im Kleiderschrank hängen hatte, entstammten van de Velde’schen Entwürfen.

Katalog

Noch einmal zurück zur aktuellen Ausstellung und insbesondere zum Begleit-Katalog: Die Finanzierung des Projektes und des Kataloges gelang durch Zuschüsse der Gesellschaft der Freunde der TU Dortmund e.V. sowie des Karl-Ernst-Osthaus-Bundes (Vorsitzende: Eva Pieper-Rapp-Frick). Der vollständige Titel lautet: „Kunst und Wissenschaft vor Ort – Der Hohenhof in Hagen“ (Dortmunder Schriften zur Kunst / Band 10). Herausgeberinnen sind Bettina van Haaren und Barbara Welzel. Der Katalog erschien mit Beiträgen von Bettina van Haaren, Rouven Lotz, Eva Rapp-Frick, Birgit Schulte und Barbara Welzel bei „Books on Demand“, ISBN 978-3-8423-3111-2; Preis: 23,90 Euro.