Südafrikanisch gesehen: Sicheres Deutschland

Der junge Südafrikaner Ross (Mitte) hat drei Monate in Schwelm und Hagen verbracht. (v.l.) Jörg, Alina, Finn und Martina Heckmann haben mit ihm ihren Alltag geteilt und ihm viel vom Leben in Deutschland gezeigt. (Foto: privat)

Schwelm. (clau) Für Ross Jüterbock heißt es jetzt Koffer packen. Der 16-Jährige fliegt zurück nach Hause. Er lebt in einem Vorort von Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas. Er gehört zur weißen Minderheit, die neun Prozent der multikulturellen Bevölkerung in der sogenannten „Regenbogennation“ ausmacht. Unter den elf amtlichen Sprachen des Landes ist Englisch – neben Afrikaans – die führende Verkehrssprache.

Für drei Monate war er als Austauschschüler bei der Familie Heckmann in der Hermannstraße in Schwelm zu Gast und besuchte mit seinem Gastbruder die elfte Klasse der Rudolf-Steiner-Schule in Haspe. Finn Heckmann kannte er schon bestens, denn der junge Westfale hatte im Sommer mit dem Austauschprogramm „Freundeskreis Südafrika“ (FSA) drei Monate bei den Jüterbocks in Pretoria verbracht.

Nicht nur Alltägliches

„Wir haben Ross wie ein Familienmitglied behandelt und den ganz normalen Alltag mit ihm gelebt samt aller Geburtstage, Weihnachtsfeiern und Verwandtenbesuche“, sagt Gastmutter Martina Heckmann. „Gezeigt haben wir ihm das Westfalenstadion in Dortmund, Schloss Burg in Solingen oder auch den Gasometer in Oberhausen. In den Herbstferien sind wir zusammen von Hamburg bis Berlin und Potsdam gereist.“

Ross hat sich schon sehr bald auch allein „auf die Socken“ gemacht, etwa um mit Familienhund Elsa die Umgebung zu erkunden, das Beethovenhaus in Bonn zu sehen oder in Dortmund oder Hagen zu bummeln.

„Ich habe mich einfach so treiben lassen und mich überall umgeguckt“, sagt der junge Saxophon-Spieler. „Für mich als Südafrikaner ist es faszinierend, wie gut in Deutschland das öffentliche Verkehrssystem funktioniert. Man kommt überall gut hin. Und es ist alles so sicher hier.“

Wunderbare Sicherheit

Sicherheit wie wir sie kennen, das ist ein hohes Gut und in Südafrika kaum zu haben. „Bei uns ist es normal, dass man hinter hohen Mauern lebt und von Wachmännern gesichert wird“, sagt er. „Selbst meine Mutter würde, wenn sie mit dem Auto im Dunkeln unterwegs ist, es nicht wagen, ordnungsgemäß an einer roten Ampel stehen zu bleiben. Da riskiert man einfach, überfallen zu werden.“

Selbst die Schulen glichen Hochsicherheitstrakten, berichtet Ross. Ein Verlassen des Schulgeländes während Freistunden oder zum Rauchen wäre in Südafrika gar nicht möglich.

Öffentliches Totalversagen

„Wir haben zwar nur einen Steuersatz von 14 Prozent, aber schon das zahlen die meisten Leute einfach nicht“, fährt er fort. „Der Staat hat also kein Geld. Das heißt, sämtliche öffentliche Einrichtungen vom Krankenhaus über Schulen, Kindergärten, Freibäder oder Verkehrsmittel sind in einem einfach grausigen Zustand oder funktionieren gar nicht. Wer auch nur etwas Geld hat, sucht sich deshalb private Alternativen.“

Ein Mindesteinkommen, wie es das in Deutschland gibt, imponiert Ross sehr. „Wir kennen das nicht. Bei uns gibt es Menschen, die so arm sind, dass sie schon für nur einhundert Euro den ganzen Monat rund um die Uhr schuften. Viele werden brutal ausgenutzt“, sagt der kritische junge Südafrikaner.

Freiheit nur auf dem Land

Armut, Angst, Kriminalität – davon hat auch Finn Heckmann bei seinem Besuch in Südafrika viel gesehen. Aber eben auch die andere, die wunderbare Seite des großartigen Landes ganz am unteren Ende des afrikanischen Kontinents. „Wir waren oft auf der Obst- und Gemüsefarm von Ross‘ Vater“, berichtet er. „Da haben wir nachts auf der Terrasse vorm Haus gelegen, sagenhafte Sternenhimmel betrachtet und Löwen brüllen gehört.“

Die Farm der Jüterbocks ist ungefähr so groß wie ganz Haspe.

Südafrika hat nun mal andere Dimensionen als das kleinteilige Europa. „Verzichten kann ich auf so etwas wie die Drogendealer, die uns selbst in den Einkaufspassagen regelrecht die Drogen hinterher geworfen haben“, meint Finn Heckmann. „Aber die Freiheit auf dem Land, die Größe des Sternenhimmels, die Wasserfälle, die Tiere… alles das vermisse ich sehr.“

Einfach und unbesorgt

Und Ross? Was wird ihm fehlen? „Ich finde es einfach klasse, dass ich hier so selbstständig und unbesorgt unterwegs sein kann.“

Gelernt haben die beiden jungen Männer viel voneinander und das geht weit über Sprachkenntnisse in Deutsch und Englisch hinaus. Wer weiß, vielleicht ist hier eine Freundschaft fürs Leben gewachsen.

Mehr Infos zum FSA-Austausch zwischen Deutschland und Südafrika unter www.freundeskreis-suedafrika.de.