Tag des offenen Friedhofs 2012

Zum ältesten Krematorium in Preußen gehört der älteste preußische Urnenfriedhof. Am Tag des offenen Friedhofs wird in Delstern natürlich auch über die Einäscherung informiert. (Foto: Michael Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Auf dem Delsterner Friedhof findet am Sonntag, 16. September 2012, der „Tag des offenen Friedhofs“ von 11 bis 17 Uhr statt. Gleichzeitig kann das Eduard-Müller-Krematorium am Delsterner Friedhof, Am Berghang 30 – ein bedeutendes Bau-Denkmal der frühen Moderne in Deutschland -, erneut mit einem interessanten Termin aufwarten: Anlässlich des 100. Jahrestages der Eröffnung steht am morgigen Sonntag auch in der Einäscherungsstätte ein „Tag der offenen Tür“ auf der Tagesordnung.

„Die Klage“ – eine Plastik von Karl Albiker – steht unmittelbar neben dem Krematorium. (Foto: Michael Eckhoff)

Interessierten Bürgern werden Führungen durch das zwischen 1905 und 1907 errichtete Gebäude sowie zahlreiche Informationen über das Friedhofs- und Bestattungswesen angeboten. Um 12 Uhr wird zudem ein ökumenischer Gottesdienst abgehalten. Für Besucher stehen vor Ort einige Parkmöglichkeiten zur Verfügung. Da am Sonntag kein Bus das Krematorium anfährt, bietet der Wirtschaftsbetrieb Hagen (WBH) ab Eilpe-Denkmal zwischen 10.30 und 17.30 Uhr einen kostenlosen Pendelverkehr an.

Star-Architekt

Als Architekt des Krematoriums wirkte hier kein Geringerer als Peter Behrens, der zu den wichtigsten Baumeistern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa zählt. Seine Auftraggeber waren Karl Ernst Osthaus und – als Bauherr – der Hagener Verein für Feuerbestattung.

Nachdem der Bau des Krematoriums 1907 fertiggestellt worden war, konnte er für den geplanten Zweck zunächst nicht in Betrieb genommen werden – weil die rechtlichen Voraussetzungen für die Einäscherung in Preußen noch gar nicht gegeben waren. Bis es soweit war, gingen fünf weitere Jahre ins Land.

„Der 16. September des Jahres 1912 wird in der Geschichte der Feuerbestattung Deutschlands immer ein bedeutungsvoller Tag bleiben“, notiert das vom Hagener Heimatbund 1978 herausgegebene Heimatbuch „Eilpe – Delstern – Selbecke“, „an diesem Tag nämlich wurde im Lande Preußen die erste menschliche Leiche eingeäschert.“ Der Schauplatz dieses „historischen Ereignisses“ war das Krematorium in Hagen-Delstern, „das“, so lesen wir weiter im Heimatbuch, „freigesinnte Bürger der Stadt mit vielen Opfern und nach schweren Auseinandersetzungen mit der Regierung errichtet haben“.

Nervenaufreibender Kampf

Es mag ein wenig makaber klingen, doch bleibt festzustellen, dass die Eröffnung im gewissen Sinne tatsächlich ein freudiges Ereignis war – was daran liegt, dass zwischen der Fertigstellung der Einäscherungsanlage 1907 und der Inbetriebnahme 1912 tatsächlich ein nervenaufreibender Kampf mit Gerichten, Politikern und mit Pfarrern lag, um die Nutzung zu erzwingen. Das Hagener Bauwerk war somit – um einen Begriff aus der Fachzeitschrift „Bestattungskultur“ zu verwenden – ein echtes „Kampfkrematorium“.

Erbauer des zunächst privaten Krematoriums war der vom Hagener Sanitätsrat Dr. Eduard Müller bereits am 8. Dezember 1892 ins Leben gerufene „Verein für Feuerbestattung“, der – laut Heimatbuch – einst alles daran gesetzt habe, ein Grundstück oberhalb des Delsterner Friedhofes zu kaufen „und zu einem Urnenhain auszugestalten“. Nach dem Initiator wurde das Krematorium später benannt. Der für den Bau ins Auge gefasste Friedhof wurde 1883 durch die zu diesem Zeitpunkt noch selbstständige Gemeinde Delstern angelegt. Nach der Eingemeindung (1901) übernahm die Stadt Hagen die Anlage.

Auf dem Delsterner Friedhof sind viele Prominente begraben – etwa der berühmte Maler Christian Rohlfs. Eine Skulptur des nicht minder bedeutenden Bildhauers Ernst Barlach ziert seine Grabstätte. (Foto: Michael Eckhoff)

Dr. Eduard Müller (1854-1931), der Vereinsgründer, der nicht mit dem Hagener Pfarrer gleichen Namens verwechselt werden darf (nach dem in unmittelbarer Nähe zum Landgericht eine Straße getauft worden ist), war in seiner Vaterstadt ein bekannter und beliebter Arzt, der auch als Stadtverordneter aktiv war. Sein Wirken und sein Name bleiben untrennbar mit dem Kampf für die Aufhebung des Feuerbestattungsverbots in Preußen verbunden.

Im Trend

Als Müller „seinen“ Verein gründete, folgte er damals einem gewissen Trend – gab es doch derartige Vereinigungen in vielen Städten Europas seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts. Allerdings stießen diese Vereine nur selten auf breite Zustimmung – standen sie doch oft allerlei Vorurteilen und rigiden Verboten gegenüber.

Doch immer häufiger mehrten sich bald in Mitteleuropa die Stimmen, die dafür eintraten, die Feuerbestattung zu erlauben. Hier spielte im Zeitalter der Aufklärung und der Industriellen Revolution auch der Fortschrittsglaube eine gewisse Rolle, weshalb die Idee, sich einäschern zu lassen, vornehmlich in Kreisen bürgerlich-liberaler Akademiker die Runde machte. Darüber hinaus konnten aber auch Verantwortliche nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die Friedhöfe in vielen Städten nicht mehr mit der Bevölkerungsentwicklung Schritt zu halten vermochten, weshalb es in etlichen Metropolen zu einer viel zu hohen Zahl von Beerdigungen auf engstem Raum und mitunter zu daraus resultierenden Gesundheitsgefährdungen kam (Cholera-Epidemien, etc.).

Insbesondere hochrangige Mediziner sprachen sich deshalb für eine Lockerung des Verbots aus, darunter war auch der berühmte Arzt Rudolf Virchow um 1875, der in mehreren Aufsehen erregenden Reden und Ansprachen vor dem preußischen Abgeordnetenhaus in Berlin den hygienischen Vorteil der Feuerbestattung herausstellte. Und so betonte Virchow: „Vom Standpunkt der öffentlichen Gesundheitspflege wäre doch nichts erwünschter, als wenn unsere Sitte im ganzen sich dahin richten wollte, daß die Verbrennung Regel würde.“ (zitiert nach Bernd Siegmund, Berlinische Monatsschrift 11/97)

Zuletzt in Preußen

Das erste deutsche Krematorium wurde im seinerzeit liberalen Kleinstaat Sachsen-Gotha eingeweiht – 1878. Schnell folgten weitere Krematorien in anderen deutschen Landen. Der letzte deutsche Staat, der die Einäscherung erlaubte, war Preußen – erkämpft vom Hagener Verein für Feuerbestattung, der mit dem Bau des Krematoriums Maßstäbe setzte.

Ausführlicher beschrieben wird all dieses übrigens in einem vom Ardenku-Verlag erstellten Büchlein, das als „Heft 5“ in der Reihe „kunstdialog hagenwest“ unter dem Titel „100 Jahre Hagener Krematorium – ein früher Entwurf von Peter Behrens“ erschienen ist. Es wurde in Verbindung mit dem Hagener Heimatbund herausgegeben (Autor: Michael Eckhoff, Fotos: Stefan Fuhrmann).