Therapeut bevorzugt

Ich bin schwerst verstört und weiß nicht mehr, wo es langgeht. Alles ist so bodenlos fraglich.

Da dachte ich doch mal, Pädophile seien bedauernswerte Mutanten, Einzelerscheinungen, denen man mit Verständnis und vor allem Hilfe begegnen müsse. Mittlerweile habe ich längst erkannt: Die Welt, und zwar vor allem die gutbürgerliche, wimmelt nur so von ihnen. Und „Heilung“ wollen die gar nicht.

Da dachte ich doch mal, dass Sparen sich lohnt. Mittlerweile muss selbst ich Mathe-Muffel erkennen: Das Geld verbrennt ja schneller auf dem Sparbuch im Wärmekegel der Inflation, als ich es überhaupt ansparen kann. Es nutzt nichts: Der gesunde Menschenverstand widerspricht aller Erziehung zur Bescheidenheit. Er sagt: Sei nicht dumm. Hau Dein bisschen Kohle lieber raus, da haste mehr davon.

Da dachte ich doch mal, dass die Arbeit von heute den Ruhestand von morgen sicherstellt. Mittlerweile weiß ich: Jaaaah. Aber nur, für die, die vierzig Jahre lang durchgehend Vollzeit gearbeitet haben – und zudem noch mindestens 2500 Taler monatlich dafür bekamen. Sonst? – Ja, also… sonst… sieht es schlecht aus. Richtig schlecht.

Wenn Sie mir demnächst begegnen und ich Sie so durchdringend fragend anschauen sollte, wundern Sie sich nicht! Ich bin halt jetzt schon auf der Suche nach Mitbewohnern für meine spätere Senioren-WG. Kämen Sie da in Frage? Schnarchen Sie? Können Sie kochen? Bringen Sie einen fahrbaren Untersatz mit in die Beziehung? Geht auch 1. Etage? Brauchen Sie W-Lan und können wir uns mit dem Treppenputz abwechseln? Oder sind Sie vielleicht zufällig Therapeut? – Der könnte dann besonders von Nutzen sein.

Schönen Sonntag.