Tilo: Abgehängt

Seit Monaten eilen wir in Deutschland von einem Rekord zum nächsten. So haben beispielsweise die Staatskassen noch nie derart hohe Einnahmen erzielt wie derzeit. Und auch in der Industrie erreicht man neue Höchstmarken. Mal sind es die Produktions-, mal die Export- oder – ganz aktuell gemeldet – die Arbeitskräftezahlen, die uns jubeln lassen.
In den vergangenen Tagen konnte die deutsche Industrie tatsächlich die Marke von 5,5 Millionen Beschäftigten knacken. Rein theoretisch sind hier in den künftigen Monaten noch weitere Rekorde drin. Doch woher sollen die benötigten Arbeitskräfte kommen?
Von diesem Problem wissen auch die Unternehmer im Raum Hagen/EN/MK ein Lied zu singen. Das wurde unlängst auch in der SIHK deutlich. Hier berichtete Handelskammerpräsident Ralf Stoffels, dass man mittlerweile nicht nur einen Facharbeiter-, sondern generell einen Arbeitermangel habe. Umgekehrt verzeichnet Hagen aber immer noch eine erschreckend hohe Langzeitarbeitslosigkeit. Wie passt das zusammen? Tilos alter Bekannter Bodo ist ein solcher Hagener Langzeitarbeitsloser. Der Mann aus Hohenlimburg ist über 50, verfügt weder über Schulabschlüsse noch über einen Führerschien oder über sonderliche Berufsfähigkeiten. Diverse körperliche Leiden hat er auch. Ihn für die Industrie fit machen zu wollen, gleicht wohl dem Versuch, in einem runden Raum etwas in die Ecke stellen zu müssen.
Abgesehen vom Mangel an fähigen Arbeitskräften werden die Unternehmen insbesondere in Hagen aber noch von einem anderen Problem gebeutelt: Es existieren nicht genügend Erweiterungsflächen. Sicher, es gibt jede Menge Brachen, aber die können von der Industrie nur schwer oder oft überhaupt nicht genutzt werden – vor allem nicht „mal eben“. In Hagen – das ist landauf, landab von vielen Architekten und Bauherren immer wieder zu vernehmen – herrsche obendrein eher eine Bauverhinderungs- und weniger eine Baugenehmigungspraxis. Da ist es keine Seltenheit, dass willige Investoren Monat um Monat „vom Amt“ vertröstet und nach eineinhalb Jahren eine Absage mit fadenscheiniger Begründung erhalten, wie unlängst im Hagener Norden bei einem geplanten Gewerbegebiet geschehen.
Immer wieder am Pranger steht hierbei auch die Feuerwehr – die muss ihren Segen in puncto Brandschutz geben. Das ist im Prinzip natürlich vernünftig, aber die Hagener Blauröcke kommen häufig nur „sehr gebremst aus dem Quark“, heißt es. So hängt sich eine Stadt selbst ab.
Tilo