Tilo: Nicht langweilig

Viermal werden wir noch wach, heißa, dann ist Kreuzchen-Tag. Sprich: am Sonntag ist Wahltag – dann dürfen wir von unserem demokratischen Recht Gebrauch machen und über die Zusammensetzung des neuen Bundestages abstimmen. Oft wird behauptet, das Rennen sei eh gelaufen – mit einer uneinholbaren CDU/CSU auf Platz eins und einer weiteren Kanzlerschaft von Angela Merkel.
Gut, das könnte stimmen. Aber ansonsten? Alles andere ist eigentlich unbeantwortet, zum Beispiel: Wird Herausforderer Martin Schulz doch noch die 23-Prozent-Marke knacken? Wird die FDP auf Platz drei einlaufen? Oder werden hier die Linken landen? Wie schneiden die Grünen ab? Was ist mit den anderen über 40 Parteien, die auf den Wahlzetteln stehen – wie viele Prozentpunkte können sie gemeinsam ergattern? Welche Koalition wird am Ende möglich sein? Schwarz-Gelb? Jamaika? Oder bleibt am Ende wieder nur die große Koalition übrig?
Von diesen Blickwinkeln aus betrachtet ist der Urnengang in diesem Jahr alles andere als langweilig. In Hagen kommt noch eine weitere Besonderheit ins Spiel – hier tritt neben den Parteien ein Einzelbewerber an. Völlig offen ist, wie sich dies auswirkt.
Die meisten Ungewissheiten umgibt die AfD. Vor einigen Jahren angetreten als eher gemäßigte Anti-Euro-Partei hat sie inzwischen einen gewaltigen Rechtsruck vollzogen. Angeführt wird die Gruppierung bekanntlich von Alexander Gauland, von dem Kritiker glauben, dass er schon zum Frühstück am liebsten Brownies futtert.
Seine „Mit-Nummer eins“ ist Alice Weidel, eine Frau voller Widersprüche. Auf sie könnte man den alten Kalauer anwenden: „Wer bin ich – und wenn ja: wie viele?“ Das heißt: Man durchschaut nicht wirklich, mit wem man es hier zu tun hat. Während in ihrer Partei mittlerweile sogar offen rassistisch gehetzt wird, verkörpert sie hierzu den „totalen Widerspruch“. Sie lebt zusammen mit einer aus Sri Lanka stammenden Frau vorrangig in der Schweiz. Genau genommen gibt es in dieser Lebenspartnerschaft also einen „doppelten Migrationshintergrund“.
Sei’s drum – am späten Sonntagabend werden wir wahrscheinlich klüger und hoffentlich von russischen Hacker-Angriffen verschont geblieben sein.
Also, liebe Leserinnen und Leser, auf zur Urne!Tilo