Tilo: Schief?

Mit Donnerwörtern wie „grundsätzliche Schieflage“, „Alarmsignal an die Politik“ und „Unwucht am Arbeitsmarkt“ versuchte jetzt die hiesige Gewerkschaft IG Bauen/Agrar/Umwelt mal wieder Aufmerksamkeit zu erheischen. Es ging – wie schon so oft in den vergangenen Jahren – um „atypische Jobs“ und ihre Vermehrung in Deutschland und insbesondere in Hagen („auf einem Rekordwert“).
Unter atypischen Jobs wird im Prinzip alles zusammengefasst, was nicht einer normalen Arbeitsstelle – also einem unbefristeten Vollzeit-Job – entspricht. Dabei erweckt die Gewerkschaft abermals den Eindruck, als handele es sich bei den „atypisch Beschäftigten“ durchweg um „Menschen in prekären Verhältnissen“. Das lateinische Wort „precarius“ bedeutet ins Deutsche übersetzt „unsicher“ oder „heikel“. Die Gewerkschaft will uns also verklickern, dass jeder Mensch, der keinen unbefristeten Vollzeit-Job hat, in „unsicheren“ und somit letztendlich miserablen Verhältnissen lebe. Das ist ein Denken von „gestern“.
Meist sind die Dinge eh viel komplizierter, als sie an Stammtischen diskutiert oder in kurzen Pressemeldungen dargestellt werden. Sicher, die Zahl der „atypischen Beschäftigungen“ hat zugenommen, so gab es laut IG BAU in Hagen im Jahr 2016 knapp 13.000 Minijobber (gegenüber 12.500 im Jahr 2003). Aber die Zahl allein sagt nicht sonderlich viel aus. Der Student, der für ein paar Euro regelmäßig am Wochenende in der Kneipe kellnert, ist ebenso ein Minijobber wie etwa eine Abiturientin, die sich seit Monaten ein zusätzliches Taschengeld als Zeitungsbotin verdient. „Atypisch“ ist im Übrigen ebenfalls der junge Vater, der – um sich besser um sein Kind kümmern zu können – seinen Chef darum bittet, die Arbeitszeit auf 25 Stunden reduzieren zu dürfen.
Überdies gibt es auch „ganz oben“ in Politik oder Wirtschaft viele atypisch Beschäftigte. Denn auch von ihnen sind viele „lediglich“ mit Zeitverträgen ausgestattet.
Das gilt im Prinzip sogar für Spitzenpolitiker (ihr Amt kann fix futsch sein), erst recht für etliche Manager und Sportler. Wenn beispielsweise bei Phoe­nix Hagen ein Spieler oder Trainer anheuert, bekommt er, klar, einen Zeitvertrag – und ist laut IG somit „prekär tätig“.
Liebe IG-Bauer, wer in einigen dürren Sätzen „mal eben“ ein paar Zahlen in die Welt hinausposaunt und das mit donnernden Begriffen wie „Unwucht“ und „Schieflagen“ anreichert, läuft Gefahr, ganz, ganz schnell auf der schiefen Ebene zu landen.
Atypische Jobs sind übrigens hauptsächlich ein weibliches Problem. 2015 gab es in ganz Deutschland etwa 7,53 Millionen Menschen in einem solchen Arbeitsverhältnis. Davon waren rund 5,3 Millionen Frauen. Und das ist wirklich übel schief.Tilo