Tobias Merz: 15-jähriger Komponist

Tobias Merz hat sich mit gerade einmal 15 Jahren innerhalb von sechs Monaten selbst das Klavierspielen beigebracht. Mittlerweile komponiert das junge Talent schon eigene Stücke. (Foto: ric)

Vorhalle. (ric) Die Finger fliegen über die Tasten. Sanft schwingt die Musik im Raum, entspannend, leicht. Doch bevor sich allzu viel Ruhe einschleicht, wird sie plötzlich schneller, fröhlicher, reißt ihre Zuhörer mit. Füße wippen im Takt, ein Lächeln macht sich breit. Dann wechselt das Stück erneut, wird ruhiger und schließlich melancholisch. Nachdenklich reiht sich Ton an Ton. Die letzte Note klingt wehmütig nach. Langsam gelangen die Zuhörer wieder zurück in die Realität, den Musikraum der Vorhaller Hauptschule.

Tobias Merz, Schüler der neunten Klasse, blickt vom Klavier auf. Sein Blick ist etwas scheu, als er seine Lehrer ansieht. Doch die sind restlos begeistert: Schließlich ist der 15-Jährige ein absolutes Talent. Sein Bruder schenkte ihm ein Keyboard. Der Schüler probierte ein paar Melodien zu spielen. Langsam traute er sich mehr zu und wagte sich schließlich an Beethovens Klassiker „Für Elise“. „Das spiele ich auch heute noch gerne“, sagt lächelnd. Seitdem dreht sich nahezu seine komplette Freizeit um sein Keyboard. Gleich nach der Schule beginnt der Junge zu spielen und endet meist erst, wenn es schon lange dunkel ist. „Und am Wochenende übe ich oft den kompletten Tag. Dann mache ich gar nichts anderes.“

Die Melodien sind einfach im Kopf

Doch der Neuntklässler spielt nicht einfach nur die Stücke anderer Künstler. „Ich habe viele verschiedene Melodien im Kopf. Einzelne Sequenzen, ganze Passagen. Ich übe sie einzeln, dann entwickeln sie sich weiter. Schließlich setze ich sie zusammen und probiere so lange herum, bis ich ein ganzes Stück komponiert habe“, erklärt Tobias Merz. Manchmal fallen ihm Texte dazu ein. Wenn er singt, klingt seine Stimme ruhig, etwas samtig, und passt genau zu seinem ersten selbst komponierten, melancholischen Stück.

Das Unglaubliche: Der Jugendliche spielt erst seit einem halben Jahr. Er kennt keine Noten, hatte nie Unterricht. Alles, was er kann, hat er sich ganz allein beigebracht. Seine Mutter würde ihrem Jungen gerne Klavierunterricht ermöglichen. Aber der Familienvater starb vor vier Jahren. Seitdem sind die Witwenrente und Hartz IV die einzigen finanziellen Mittel. Ein Musiklehrer wäre da einfach zu teuer. „Aber vielleicht findet sich ja einmal jemand, der dem jungen Talent etwas helfen könnte…?“ hoffen die Lehrer der Hauptschule.

Pausen? Immer im Musikraum!

Vor zwei Monaten fanden Tobias’ Lehrer sein Talent zufällig heraus. „Wir haben im Unterricht über Bewerbungen gesprochen“, erinnert sich der 15-Jährige. „Mir stellte sich die Frage, wann ich etwas wirklich kann. Muss ich so gut sein, dass ein Auftritt möglich ist? Oder ist es bereits ein Können, wenn ich privat zu Hause Keyboard spiele und auch mal einen Fehler mache?“ Spontan setzte er sich an das Klavier der Schule. Und plötzlich war da nicht mehr nur die Klassenlehrerin. „Auf einmal standen fünf Lehrer um mich herum und hörten zu. Als ich fertig war, haben sie sogar geklatscht.“

Tobias’ Können hat sich an der Schule mittlerweile herumgesprochen. Damit er so viel wie möglich üben kann, erlaubten ihm die Lehrer sofort, die Pausen im Musikraum zu verbringen. Immer wieder schauen Lehrer vorbei, doch auch viele Schüler besuchen ihn dort. Einmal haben die Jugendlichen eine spontane Session veranstaltet und gemeinsam gespielt. Und die Zehntklässler haben ihn sogar eingeladen, auf ihrer Abschlussfeier zu spielen.

Da die Schule mit gut 300 Schülern recht überschaubar ist, gibt es einen intensiven, fast familiären Kontakt zwischen den Lehrern und Schülern. „So können wir eben gezielt auf die einzelnen Stärken und Schwächen eingehen“, erklärt die Klassenlehrerin. „Ich kenne hier jeden Lehrer“, meint Tobias Merz, der später einmal Tierpfleger im Zoo werden möchte. „Das Schöne ist, dass wir zusammenhalten.“ Da darf natürlich auch ein Geburtstagsständchen auf dem Klavier für seine Lehrerin nicht fehlen.

Und dank der großen Unterstützung seiner Lehrkräfte wird sich bald ein ganz besonderer Wunsch erfüllen: Durch die enge Zusammenarbeit mit der Schule und der Handwerkskammer wird es möglich, dass Tobais Merz dort spielt – auf einem Flügel. „Vielleicht kann ich dann ja schon mein neues Stück spielen“, hofft er. „Derzeit komponiere ich es noch.“