Toulouse-Lautrec in Hagen

Hagen. (ME) Mit zwei überaus sehenswerten Ausstellungen glänzt das Hagener Kunstquartier an der Hochstraße (Museumsplatz) in den nächsten Wochen. Beide Male geht es um Maler, die zu den beliebtesten und gefragtesten in Mitteleuropa zählen. Geschaffen wurden die Werke vor gut hundert Jahren.

Während das Osthaus-Museum schon seit Samstag, 23. August 2014, „Postkarten der Brücke-Künstler“ zeigt, wird im benachbarten Emil-Schumacher-Museum (ESM) ab dem kommenden Sonntag, 31. August 2014, der Pariser „Maler des Montmartre“ dargeboten: Henri Toulouse-Lautrec (1864-1901). Diese Ausstellung ist ein echter Knüller. Denn gezeigt wird ein Überblick über das gesamte graphische Werk des Künstlers in einer Ausführlichkeit, wie sie zuvor wohl noch nie im Ruhrgebiet zu sehen war. Das ESM gönnt sich diese Schau anlässlich seines fünfjährigen Geburtstags. Eröffnet wird am Sonntag um 11.30 Uhr. Das Kunstquartier hat ansonsten dienstags bis sonntags jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Schattenseiten der modernen Welt

Toulouse-Lautrec zählt heute zu den bedeutendsten europäischen Künstlern des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Berühmt wurde er vor allem mit Werbeplakaten – insbesondere für das Moulin Rouge am Pariser „Platz Pigalle“. Heute sind seine Werke weltberühmt. Das war nicht immer so – die offizielle Anerkennung blieb ihm lange versagt. Das mag auch mit den Inhalten seiner Bilder zusammenhängen. „Seit 1884 lebte er in Montmartre, einem ursprünglichen Arbeitervorort am Rand von Paris, der 1860 eingemeindet worden war und der sich zum Treffpunkt der Intellektuellen und Künstler entwickelt hatte,“ berichtet ESM-Museumsleiter Rouven Lotz. Hier begegnete er den Schattenseiten der modernen Welt: Bettlern, Obdachlosen, Kleinkriminellen und Straßenprostituierten. „Für die Pariser Stadtbevölkerung war Montmartre noch in den 1880er Jahren vor allem ein ländlicher Ort außerhalb des eigentlichen Paris, der lediglich zum Vergnügen besucht wurde,“ ergänzt Lotz.

Doch die Zeiten änderten sich bald. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wirkte sich die Industrialisierung massiv auf den Geschmack des Publikums aus. Rouven Lotz: „Neue Gesetze zu Versammlungsfreiheit und öffentlichem Getränkeausschank veränderten außerdem das Freizeitverhalten. Und eine Reform der Pressefreiheit weitete darüber hinaus die Möglichkeit zum öffentlichen Plakatieren von Werbung aus. Junge Künstler wie Lautrec fühlten sich von diesem neuen Medium stark angezogen und fanden zugleich Aufträge für diese neue Kunst der Straße.“ Der Maler und Plakatgestalter Jules Chéret (1836–1932) führte dann als Erster in Paris mit der ’farbigen Lithographie’ eine Drucktechnik ein, die rasch Furore machte.

Völlig neue Drucktechnik

Als der Nachtclub „Moulin Rouge“ 1889 eröffnet worden war, durfte bald auch Toulouse-Lautrec hierfür Plakate entwerfen. Dank der neuen Technik und dank seines zeitgemäß-modernen Stils erregten Lautrecs Entwürfe eine enorme Aufmerksamkeit. „Durch die Porträts der Menschen in seiner Umgebung sowie seine realistische Reportage der Phänomene seiner Zeit ist der Maler dabei in Frankreich zu einem der bedeutendsten Chronisten der Belle Époque, also der Ära um 1890/1900, geworden,“ so Lotz. All diese Aspekte werden im ESM vor Augen geführt. Um dies zeigen zu können, wird sogar das gesamte Obergeschoss des ESM umgebaut. Die Schau wird übrigens – auch dies sei betont – nicht aus dem städtischen Steuersäckel finanziert.

Dass in Hagen eine derart herausragende Ausstellung präsentiert werden kann, ist dem 1935 verstorbenen Sammler Otto Gerstenberg zu verdanken. Er trug zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin eine einzigartige Sammlung der Druckwerke Lautrecs zusammen. Aber es gibt auch noch eine spannende Verbindung zu Hagen. Lotz berichtet: „Wir zeigen unsere Schau genau 105 Jahre nach der ersten Ausstellung Toulouse-Lautrecs im von Karl Ernst Osthaus gegründeten Hagener Folkwang-Museum.“ Zudem jährt sich der 150. Geburtstag des Künstlers.

Kurzum, die Ausstellung des französischen Künstlers ist für die gesamte Region ein besonderes kulturelles Ereignis im Spätsommer 2014!