Tropenwald im Ruhrgebiet

Von Antje Selter

Hagen. In unserer Serie „Geotope in Hagen“ haben wir das Massenaussterben bestimmter Arten am Ende des Devons beschrieben. Erdgeschichtlich folgt dem Devon- das Karbon-Zeitalter.

Seit dem Beginn des Oberkarbons vor etwa 325 Millionen Jahren änderten sich die Ablagerungsverhältnisse im Vergleich zum Devon grundlegend. Erfolgten bisher die Schuttlieferungen von Norden her, so ist die Richtung nun umgekehrt. Durch eine von Süden nach Norden fortschreitende Auffaltung der devonischen Ablagerungen wurde der Bereich des ehemaligen Devonmeeres zum Festland. Am Nordrand dieses allmählich sich emporhebenden Gebietes entstand ein Senkungsbereich, von Geologen „subvariskische Saumsenke“ genannt.

Lagunen im Bereich des Ruhrgebietes

So könnte ein typisches Waldmoorgebiet der Karbonzeit im heutigen Ruhrgebiet ausgesehen haben. Später haben sich daraus die Steinkohlenflöze entwickelt. (Abbildung nach einem Gemälde von Kukuk)

Lange Zeit war Mitteleuropa ausschließlich von Meeres-Einflüssen geprägt. Dies änderte sich im ältesten Oberkarbon (vor 325 – 317 Mio.), das als „Namur“ (von der belgischen Stadt Namur) bezeichnet wird. Die zunehmende Verfüllung der variskischen Saumsenke mit Schuttmassen führte zu einem Übergang von einer tiefsee-geprägten Umgebung zu einem flachen Meer mit allmählicher Bildung entsprechender Landschaftsbilder wie z.B. Lagunen und Flussdeltas im Bereich des heutigen Ruhrgebietes.

Im jüngeren Namur setzte sich diese Entwicklung kontinuierlich fort, auch wenn zwischenzeitliche marine, also Meeres-Einflüsse nachgewiesen worden sind. Der Übergang zwischen Land und Meer im Oberkarbon des Ruhrgebietes ist daher im weitesten Sinne mit der eines großen Deltas vergleichbar; abgetragene Gesteine wurden über Flusssysteme ins Meer transportiert und abgelagert. Somit kam es zu einer allmählichen Verlandung, die aber immer wieder durch Meeresüberflutungen unterbrochen worden ist.

Bedeutsam für die Entwicklung ist auch die damalige Lage dieses Kontinentes auf der Erde, die in der Nähe des Äquators positioniert war. Somit war das Klima mit dem des heutigen tropischen Regenwaldes vergleichbar.

Flöz Sengsbank

Im Hagener Raum, insbesondere im Norden, sind in zahlreichen Aufschlüssen und ehemaligen Steinbrüchen die Schichtenfolgen des Oberkarbons zu besichtigen. In dieser Schichtenfolge beginnt die für das Ruhrgebiet bedeutsame Ablagerung und Entstehung von Kohleflözen. Diese Grenze zwischen dem sog. „flözleeren“ und „flözführenden“ Oberkarbon ist am Nordufer des Hengsteysees im Aufschluss „Schiffswinkel“ und am Kaisberg dokumentiert. Hier taucht jeweils das erste Kohleflöz, das Flöz Sengsbank, auf. Dies dokumentiert im Hagener Raum von Süden nach Norden einen Übergang von flach-marinen Ablagerungsverhältnissen zu einem Lagunenbereich mit schlängelnden Flüssen bis hin zum Festland.

Die Abfolge „Land-Meer“ ist in den Karbon-Aufschlüssen durch eine charakteristische Schichtenabfolge dokumentiert. Dies ist vergleichbar mit einem heutigen Flussdelta, in dem die Teilströme und -flüsse einem ständigen Wandel unterliegen. In den sogenannten Überflutungsebenen werden nur in geringem Maße Sedimente abgelagert und es kommt zur Entwicklung von Böden in Trockenphasen („Wurzelboden“) und lokal zur Ausbildung von Mooren, den „Vorgängern“ der Kohleflöze.

Sinkt das Delta ab, wird der Bereich der Moore wieder durch das Meer oder neue Flußsysteme überflutet, was dann entweder durch Schiefertone oder Sandsteine in den Aufschlüssen dokumentiert ist. Diese Abfolgen finden sich im gesamten flözführenden Oberkarbon. Da es sich aber um regionale Ereignisse handelt, sind die Kohleflöze nicht einheitlich im gesamten Ruhrgebiet verfolgbar.

Grundlage heutiger Steinkohlelager

In der Karbonzeit kommt es zu wichtigen Entwicklungsfortschritten bei den Fischen, den Vierfüßern und den Pflanzen. Die altertümlichen Panzerfische werden von den Knorpel- und Knochenfischen abgelöst. Aus den Amphibien entwickeln sich die Reptilien. Üppiger Pflanzenwuchs auf den Festländern (Schachtelhalme, Bärlapp- und Farngewächse) stellt die Grundlage der heutigen Steinkohlelager dar. Im oberen Karbon entwickeln sich erste Nadelbäume. Ausgedehnte Pflanzendecken bildet die Nahrungsgrundlage für die sich jetzt rasant entwickelnden Landtiere.

Auffällige Elemente sind die bis zwei Meter langen Tausendfüßler und erste flugfähige Insekten mit bis zu 70 cm Flügelspannweite. Neben den Spinnentieren gehören diese beiden Gruppen zu den besonderen Seltenheiten unter den karbonischen Fossilien.