Tunnel, Trassen und lustige Fratzen

In Oberhagen werden viele Bauten aus der Zeit um 1900 von phantasievollen „Köpfen“ geziert. Unser Foto zeigt eine Fassade aus der Frankfurter Straße. (Foto: Michael Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Zu Beginn dieser Woche – pünktlich zu den Local-Hero-Tagen an der Volme – erschien die neue Broschüre „Jugendstil & mehr in Hagen“ (erhältlich zum Beispiel in der Hagen-Touristik). Darin präsentiert ein fünfköpfiges Autoren-Team um Elisabeth May eine Reihe neu zusammengestellter Rundgänge zur Architektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in unserer Stadt. Natürlich werden in diesem ehrenamtlich erstellten Heft auch einige wirtschafts- und verkehrsgeschichtlich bedeutsame Bauten genannt, wie etwa der Hauptbahnhof. Bei einer intensiveren Beschäftigung mit diesem Themenkomplex fallen sogleich mehrere „runde Eisenbahn-Geburtstage“ auf:

  • Vor 150 Jahren ging mit der Lennetalbahn (zwischen Hagen und Altena am 16. Juli 1860 in Betrieb gegangen) eine zweite große Strecke in Betrieb.
  • Vor etwa 140 Jahren kam es zum Bau der Volmetalbahn.
  • Vor etwa 130 Jahren ergänzte die Rheinische Bahngesellschaft das hiesige Eisenbahnnetz.
  • Und vor genau 100 Jahren musste ein nicht unerheblicher Teil Hagens zwischen Hauptbahnhof und Eilpe grundlegend verändert werden, um den damaligen Anforderungen entsprechen zu können; unter anderem wurden der Goldbergtunnel, ein neues Hauptbahnhofsgebäude und ein neuer Bahndamm in Oberhagen samt Bahnhof errichtet. Gerade in Oberhagen lassen sich aus dieser Phase zahlreiche, auch architektonisch interessante Relikte entdecken

Eisenbahn als „Motor“

Das „Eilper Tor“ - mit einem Viadukt aus der Zeit um 1910, als die Volmetalbahn in Oberhagen eine neue Trasse erhielt (wegen des Goldbergtunnels). Die Bauten dahinter stammen ebenfalls aus dem frühen 20. Jahrhundert. (Foto: Michael Eckhoff)

Keine Frage: Ein wesentlicher Faktor sowohl für die wirtschaftliche als auch für die städtebauliche Entwicklung Hagens war im 19. und im frühen 20. Jahrhundert vor allem die Eisenbahn. Durch die Lage im Schnittpunkt mehrerer Täler und mehrerer Gewerberegionen war Hagen hervorragend dazu geeignet, ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt zu werden. Mit der Errichtung eines recht weit vom historischen Ortskern entfernt liegenden Bahnhofs 1848 wurde zudem die Weiche gestellt für die Entwicklung unterschiedlicher Dreh- und Angelpunkte im Talkessel der Volme.

Erstes Pflaster 1875

Würden wir nun ein Stadtbild von etwa 1850 betrachten (Hagen zählte rund 5600 Einwohner), dann sähen wir das – vereinfacht beschrieben – alte Viertel rund um die Johanniskirche, dann das damals etwas abseits liegende Rathaus, drittens den neuen Bahnhofsbezirk; entlang der Volme reiht sich Industrie, zwischen Johanniskirche und Bahnhof erstreckt sich ein zunächst noch agrarisch genutztes Gelände (Wiesen und Felder), das wiederum begrenzt wird durch die beiden Poststraßen nach Elberfeld bzw. Dortmund (heute Elberfelder Straße und Körnerstraße). Der Name „Elberfelder Straße“ wurde von der Stadtverordnetenversammlung übrigens im Juli 1870 offiziell verkündet – ihre erste Pflasterung erhielt diese Straße allerdings erst fünf Jahre später.

Bald nach 1850 machen die Felder Platz für Gewerbe und Wohnbebauung. Zentrale Erschließungsachse ist die Bahnhofstraße – sie endet schon nach halber Strecke: vor Kopf der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fabrikanten-Villa (Funcke) mit ihrem dahinter liegenden privaten Park (dem heutigen Volkspark). Auch an der „Elbe“ verändert sich die Situation bald grundlegend – im ersten Hagener Adressbuch von 1884 werden 99 Hausnummern aufgelistet. Unter den Anliegern sind beispielsweise die Bergisch-Märkische Bank, die Freimaurerloge und das Städtische Krankenhaus, das ein paar Jahre später zum Buschey umzog. Einige der alten Krankenhausbauten wurden übrigens 1910/11 – also vor genau hundert Jahren – in den Neubau des Stadttheaters einbezogen.

Unter den vielen skurrilen Köpfen in Oberhagen lässt sich auch dieser „Weingott“ entdecken. (Foto: Michael Eckhoff)

Eisenbahn-Zulieferer

Im Verlauf des 19. sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchs die Bedeutung der Eisen-/Stahl-Branche erheblich an. Walzwerke bestimmten nun das Bild der heimischen Täler, ebenso zahlreiche (Gesenk-)Schmieden, Gießereien und Fabriken für allerlei Kleineisenteile. Von besonders großer Bedeutung war lange Zeit die Fülle jener Firmen, die zu den Eisenbahn-Zulieferern zu zählen sind. „In Eisenbahnartikeln sowohl für Oberbau wie für das rollende Material ist die Gegend um Hagen seit Entstehung der Eisenbahnen bis auf den heutigen Tag der Hauptlieferant“, heißt es 1907 in einem Buch zur Wirtschaftsgeschichte Hagens. Im Kreis Hagen sei der „Boden für diese Herstellung durch die alt eingesessene Schmiederei“ vorbereitet gewesen.

Knotenpunkt

Hinzu kam, dass sich die Volmestadt aufgrund ihrer idealen Lage rasch zum Eisenbahnknotenpunkt entwickelte. Einen Teil der Strecken haben wir eingangs bereits erwähnt – hinzu kommen noch die diversen Bahnen durch das Ruhrtal sowie die Ennepetalbahn, die insbesondere als Zulieferstrecke der Hasper Hütte lange Zeit eine hohe Bedeutung genoss.

Durch den Bau der Eisenbahnen wurde zum einen die Entwicklung hin zum bürgerlichen Zeitalter beschleunigt und zum anderen die Industrielle Revolution gefördert. Noch um 1860 war am Rhein und in Hagen das englische Roheisen billiger als das aus dem Siegerland, weil Siegen abseits der zu diesem Zeitpunkt nutzbaren Wasser- und Schienenwege lag. Erst nach der Fertigstellung der Lennetalbahn (zwischen Hagen und Letmathe 1859 in Betrieb gegangen, Verlängerung bis Altena 1860, Anschluss von Siegen 1862) konnte sich diese Situation ändern.

Überbleibsel

Rund um den Oberhagener Bahnhof befindet sich nach wie vor eine „historische Insel“ mit ansehnlichen Beispielen gründerzeitlicher Architektur. (Foto: Michael Eckhoff)

Aus der seinerzeitigen Eisenbahn-Ära haben sich allerlei Überbleibsel erhalten, so etwa Brücken an diversen Stellen in der Stadt, in Niederhaspe ein Schrankenwärterhaus, einige Vorort-Bahnhofsbauten (unter anderem in Hohenlimburg, Halden und Dahl), sodann das 1907/1910 errichtete Hauptbahnhofsgebäude samt seinen zugehörigen Bahnsteighallen, ferner der ebenfalls 1910 eröffnete Goldbergtunnel, und – last not least – stammt das heutige Gesicht Oberhagens aus der „Ära 1910“.

Wer sich Oberhagen von der Bergstraße aus nähert, erblickt im Kreuzungsbereich mit der Böhmer-/zur-Nieden-Straße noch Reste der Trasse der früheren Volmetalbahn. Aus der Existenz dieser Trasse erklärt auch auch die städtebauliche Situation im Eckbereich von Böhmer- und zur-Nieden-Straße. Unmittelbar am Oberhagener Ende der zur-Nieden-Straße (dort, wo früher ein Schrottplatz für Unmut sorgte) lässt sich das „Mundloch“ des 2,2 Kilometer langen Goldbergtunnels entdecken, geschmückt mit einem Relief.

Das eigentliche Oberhagener Bahnhofsgelände ist allerdings nicht von hier aus erreichbar, sondern von der Hoch-/Ecke Jägerstraße. Ursprünglich, das heißt: um 1910, stand hier auch ein Empfangsgebäude, einstmals sachliche Jugendstilformen aufweisend. Nach schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg kam es in der 1950er Jahren zum Abriss. Am erhaltenen Bahnsteig sind jedoch noch Details aus der Erbauungszeit vorhanden. Zu den erhaltenen „Objekten“ zählen ferner der sandstein-verkleidete Damm an der Jägerstraße sowie das „Eilper Tor“. Unter dem „Eilper Tor“ versteht man gemeinhin die Überführung an der Eilper-/Ecke Jägerstraße.

Fratzen und Köpfe

Wer diesen Gesamtbereich besucht, entdeckt obendrein eine Fülle von detailreichen Mietshausbauten aus der Zeit um 1900/1914 – so etwa im Einmündungsbereich von Jäger-/Hoch- und Frankfurter Straße, sodann im Karree Jäger-/Kniesstraße und an der Elisabeth-/Eilper Straße. Verblüffend ist vor allem, wie viele „Köpfe“ an den verschiedenen Fassaden angebracht sind: Ob Medusa oder Ritter, ob Weingott Bacchus oder grimmige Fratze… – die Palette ist breit und sehenswert.

(wird fortgesetzt)