Über die Wupper gehen

Westlich einer Linie von Schwelm bis Breckerfeld markierte die Wupper zwei Jahrhunderte eine Staatsgrenze. (Abbildung: Ausschnitt aus einer Karte von 1784)

Von Gerhard E. Sollbach

Hagen. Zwei Jahrhunderte lang, vom Beginn des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, bildete die Wupper westlich und südwestlich einer Linie von Schwelm bis Breckerfeld eine Staatsgrenze. Am Ostufer lag die ehemalige Grafschaft Mark, zu der auch Hagen gehörte, und damit brandenburgisch-preußisches Territorium. Am Westufer betrat man das Herzogtum Berg. Wenn man also von Osten her über die Wupper ging, gelangte man von Preußen ins Ausland. Und über die Wupper flüchteten damals aus dem hiesigen Raum immer wieder junge Männer, die sich auf diese Weise dem Zugriff des preußischen Militärs zu entziehen suchten.

„Über die Wupper gehen“ hatte daher hier die Bedeutung, sich vor den Soldaten-Werbern und der Zwangsrekrutierung für die preußische Armee im Ausland in Sicherheit zu bringen. Dafür gab es auch gute Gründe. Seit Kurfürst Friedrich Wilhelm, der „Große Kurfürst“ (1640-1688), ein stehendes Heer zum Grundpfeiler Brandenburg-Preußens gemacht hatte und dieses Heer dann vor allem unter König Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“ (1713-1740), massiv ausgebaut worden war, zogen ständig Werber im ganzen Land umher, um männliche Personen im wehrfähigen Alter als Soldaten zu rekrutieren.

Soldaten-Werbung Anfang des 18. Jahrhunderts. (Abbildung: zeitgenössische Darstellung)

Gewaltsame Rekrutierung

Dabei gingen die Werber nicht zimperlich vor und schreckten auch vor brutaler Gewalt nicht zurück. Tatsächlich hatte Friedrich Wilhelm I. bereits kurz nach seinem Regierungsantritt eine verstärkte Anwerbung von Soldaten verfügt. Allerdings sollte diese nach dem Wortlaut der Anordnung von 1714 „ohne große Gewalttätigkeit“ erfolgen. Trotzdem nahmen die Zwangswerbungen teilweise groteske Formen an.

Was die Einwohner des damaligen „Fleckens“ Hagen am Sonntag, dem 8. September 1720, aber erlebten, war jedoch der Extrem-Fall einer Zwangsrekrutierung. Am Morgen dieses Tages umstellten kurz nach Beginn des Gottesdienstes plötzlich Soldaten eines aus Hamm angerückten Infanterie-Regiments die drei Kirchen am Ort, die lutherische, die reformierte und die katholische. Während ein Teil der Soldaten die Eingänge besetzte und niemanden hinausließ, drangen die übrigen in den Kirchenraum ein. Dort trieben sie „mit großem Ungestüm, Schlagen und Stoßen“ die ihnen als wehrtauglich erscheinenden jungen Männer auf dem Chor zusammen in der Absicht, sie als Rekruten nach Hamm in die Garnison zu schaffen.

Über das Geschehen sind wir vor allem durch das ausführliche Beschwerdeschreiben unterrichtet, das die beiden lutherischen Geistlichen der lutherischen Pfarrkirche am Markt, Pastor Johann Heinrich Emminghaus und Johann Heinrich Drude, später an den preußischen König gesandt haben. Wie daraus weiter hervorgeht, wurde durch die eingedrungenen Soldaten die Fortsetzung des bereits begonnenen Gottesdienstes verhindert. Die Soldaten machten, nachdem sie die als Rekruten vorgesehenen jungen Männer zusammengebracht hatten, in der Kirche noch ausgiebig Frühstücks- und Ruhepause.

Tumult und Tote

Doch begnügten sie sich dabei nicht mit „Tabakrauchen, Fressen und Saufen“, wie die katholische Kirchengemeinde in ihrem Schreiben an die Schutzmacht der Katholiken in der Grafschaft Mark, die pfälzische Regierung in Düsseldorf, klagte. Nach dem Bericht der beiden lutherischen Geistlichen bestiegen in der dortigen Kirche einige der Soldaten „mit unchristlichem Gespött“ die Kanzel; von anderen wurde der Taufstein „lästerlich entehret“, wieder andere rissen die beiden Altartücher in Stücke, einige zerschlugen mutwillig die Kirchenstühle und benutzten sogar den Altar als Schießscheibe. Während der ganzen Zeit wurden die verängstigten Gottesdienstbesucher von den Soldaten in der Kirche „als im Kerker“ festgehalten.

Zwischenzeitlich hatte sich aber die Nachricht über das Geschehen in Hagen wie ein Lauffeuer in den umliegenden Dörfern verbreitet und von dort eilten immer mehr Männer und Frauen vor allem zu der lutherischen Kirche, die ja die größte Gemeinde hatte, um den dort Eingeschlossenen zu Hilfe zu kommen. Als die Menge gewaltsam in die Kirche eindrang, kam es zu einem schlimmen Tumult, bei dem die Soldaten die Eindringlinge nicht nur mit der blanken Waffe, sondern auch mit scharfen Schüssen abwehrten. Der aus Wehringhausen gekommene 36-jährige Adolf Steinhaus, ein Kuhhirte, wurde dabei mitten im Kirchenschiff von einer Kugel getroffen und war auf der Stelle tot. Drei andere Männer, der 29-jährige Matthias Adam vom Hilligenlande (Boele), der 56-jährige Heinrich Höfinghoff aus Kückelhausen und der 61-jährige Diedrich Wewer, ein Schäfer aus Herdecke, wurden außerhalb der Kirche auf dem Kirchhof von Schüssen getroffen, an denen sie einige Zeit später starben. Ein Opfer des Tumults war auch die Ehefrau des Heinrich zu Möcking (Breckerfeld-Waldbauer). Sie wurde durch die Ereignisse derart erregt, dass sie einen Schlaganfall erlitt und starb. Dem immerhin schon 83 Jahre alten Pastor Emminghaus scheinen die von den Soldaten in der Kirche verübten Exzesse und das anschließende turbulente Geschehen ebenfalls arg zugesetzt zu haben. Er verstarb nämlich nur 2 1/2 Monate später, am 23. Dezember 1720.

Plan der Stadt Hagen 1755

Auf die Beschwerde der Hagener Geistlichen hin, ordnete der preußische König eine Untersuchung des Vorfalls durch den Kommandeur des betreffenden Regiments, einen Herrn von Auer, an. Doch scheint es das auch schon gewesen zu sein und die Sache ist letztlich im Sande verlaufen.

Befreiung vom Militärdienst

Allerdings gab es für bestimmte, dem Staat in wirtschaftlicher und steuerlicher Hinsicht wichtige Berufsgruppen, Befreiungen vom Militärdienst. So erhielt z.B. 1740 der Tuchmacher Christian Moll aus Lennep im Zusammenhang mit seiner geplanten Gründung einer Tuchfabrik in Hagen vom preußischen König die „Werbefreiheit“ nicht nur für sich und seine Familie, sondern auch für alle seine Arbeiter zugesichert. Von dem mehrjährigen Militärdienst konnte man sich seinerzeit aber auch dadurch befreien, dass man einen Ersatzmann stellte. Doch das war sehr kostspielig und blieb daher den Söhnen aus wohlhabenden Kreisen vorbehalten. Zu einer solchen besser gestellten Familie gehörten offenbar die Brüder Johann Dietrich und Johann Caspar Post aus Wehringhausen. Sie erwarben nämlich 1735 die „Werbefreiheit“ für sich, da sie als ihren Ersatzmann den aus dem Kölnischen gebürtigen Johann Peter Lütke als Soldaten zur Verfügung gestellt und ihn entsprechend bezahlt hatten.

1748 gelang es der Stadt Hagen – „Stadt“ war Hagen zwei Jahre zuvor geworden -, für ihre Bürger die „Werbefreiheit“ zu erlangen oder vielmehr zu erkaufen. Als Gegenleistung musste sie nämlich eine jährliche Geldzahlung an den preußischen Fiskus entrichten. Diese „Werbefreiheit“ betraf aber nur die Bewohner des damaligen kleinen Stadtgebietes, das in etwa nur die heutige Hagener Innenstadt umfasste. Die Einwohner der Gemeinden in dem umliegenden „platten“ Land von Eilpe bis Boele mussten daher weiterhin Soldatenwerbung und Zwangsrekrutierungen über sich ergehen lassen. Schluss war damit erst, als im Rahmen der preußischen Reformpolitik zu Beginn des 19. Jahrhunderts 1813/1814 die allgemeine Wehrpflicht in Preußen eingeführt wurde.