„Ueberall ist Wasserspülung“

Haspe. Die Hauptschulen befinden sich bekanntlich auf dem absteigenden Ast. Kurz über lang werden viele von ihnen von der Bildfläche verschwinden. Die nächste, die in Hagen aktuell auf der Streichliste steht, ist die Heubingschule in Haspe am Ennepeufer/Ecke Tillmannsstraße. Erst vor wenigen Monaten feierte die Schule – gegründet dermaleinst als  Volksschule“ – ihr 100-jähriges Bestehen. Der in den 1920er Jahren höchst emsige Hasper Heimatforscher Paul Schulte hat sich seinerzeit mit der Entstehung dieser Volksschule befasst. Seinen (allerdings erheblich gekürzten) Beitrag zitieren wir hier. Letzten Samstag ging es in Teil 1 bereits um die Planungen, heute nimmt uns Schulte mit auf eine Besichtigungstour durchs Gebäude am Tag der Fertigstellung:

Wir haben durch eines der beiden Hauptportale das Gebäude betreten. Im Sockelgeschoss liegt die nett eingerichtete Wohnung des Hausmeisters. Hier gleich links ist ein Geräteraum der freiwilligen Sanitätskolonne und im Mittelbau des Kellergeschosses der Koks- und Feuerungsraum. Außerdem ist hier die Stadtbücherei untergebracht, zu der lesesüchtige Männlein und Weiblein oft ihre Schritte lenken. Und neben ihr befindet sich ein Lesesaal. Er ist so fein, so heimlich, dass hier wohl wieder die Lust anwandelt, aus einem alten abgegriffenen Buche goldene Kindermärchen zu lesen von glänzenden Schlössern im Erdgeschosse. Zwischen den warmen Tönen der Wände und der bunten Fenster liegt ein wirkliches Blinken von Glaskristallen, die an den Wänden haften. Hier kannst du manch schönes Stündchen verbringen.

Des Magens Bedürfnis

Folge mir nun in den Raum, wo statt geistiger Nahrung des Magens Bedürfnis gereicht wird, in die Haushaltungsschule. Da liest du aus allen Winkeln der Küche obersten Grundsatz: Blitzblank und sauber. Nun ist dort drüben noch ein größerer Raum, in dem auch wiederum der Körper zu seinem Rechte kommt. Unserer Talsperre Wasser muss hier junge Körper brausend reinigen. So etliche Türen hier unten weisen noch einige mysteriöse Bezeichnungen auf. Brauchst nicht zu öffnen; es sind stille Räume für Lesehallenbenutzer und Lehrpersonen. Weißt wohl genug. Zeige mir nun hier im Sockelgeschoss ein Eckchen, das nicht raffiniert fein ausgenutzt ist.

Wenn wir auf den breiten Treppen aus Kunststein ins Erdgeschoss gestiegen, müssen wir uns schon mit weniger Abwechslung begnügen. Der breite Flur mit schmuckem Anstrich und Linoleumbelag hat trotz seiner Ausdehnung nichts Einförmiges. In kleinen Nischen liegt die Tränke, ein trogähnliches Becken mit Vorrichtungen, wie wir sie schon in Automaten-Restaurationen zum Gläserspülen benutzen. Ein Druck auf den Ring, und ein feiner Strahl springt von unten dem Durstigen in den offenen Mund.

Hübsche Windrose

Fünf Klassen- und das Rektorzimmer liegen im Erdgeschoss. Die Klassenräume sind gleichmäßig gehalten und eingerichtet. In der durchbrochenen Wand befindet sich ein Schauthermometer. Der Anstrich ist in lichter, graugrüner Oelfarbe hergestellt. Mitten unter der Decke prangt eine hübsche Windrose als Schmuck und Anschauungsmittel. Die Heizkörper an der Wand verbreiten zur kalten Jahreszeit eine angenehme Wärme. Ein Linoleumbelag besorgt die nötige Schrittdämpfung. Da unten am Ende des Flures wollen wir noch einen Blick in die Abortanlage für die Mädchen tun. Ueberall ist Wasserspülung, alles ist nach den neusten Ansprüchen eingerichtet.

Das 1. Obergeschoss enthält sechs Klassenräume, das Konferenzzimmer und die Abortanlage für die Knaben. Auch hier hat alles die beste Ausnutzung gefunden. Die Tränke fällt uns hier nicht mehr auf, haben wir sie doch schon unten bewundert.

Turnhalle und Zeichensaal

Im 2. Obergeschoss wollen wir die drei Klassenzimmer unberücksichtigt lassen und stattdessen die Turnhalle und den Zeichensaal besichtigen. Erstere weist in einem Nebenraum die notwendigen Geräte auf. Die schön gewölbte Halle ist Lehrern und Schülern ein gern benutzter Aufenthaltsraum. Große Bogenlampen hängen von der Decke herab. Sie ermöglichen es, die Halle für kleinere Vorträge, die öffentliches Interesse beanspruchen, am Abend zu benutzen. Dem gleichen Zwecke dienen auch die Eckbänke, die auf einem Bodenraume aufbewahrt werden. Ferner werden sie beim Chorgesang, bei vaterländischen Gedenktagen und bei den Entlassungsfeiern der abgehenden schüler gebraucht.

In dem geräumigen Zeichensaal, in dem das Licht durch acht Fenster hineinflutet, stehen große Tische und Schemel. Dieser Raum ist auch an die Lichtleistung angeschlossen und kann durch Bogenlampen erleuchtet werden. Sieh dort noch den Austritt vom Zeichensaal auf eine Terrasse, die für den Zeichenunterricht im Freien einige Dienst leisten kann. Zur Sommerzeit blühen hier wie auf den Seitenterrassen freundliche Blumen.

Zwei Brunnen

Nun wollen wir durch eine der Seitentüren auf den Schulhof hinaustreten. Der weite Raum ist nach den beiden Straßen (Tillmanns- und Uferstraße) durch Betonmauern abgeschlossen, die einen schlichten Holzzaun tragen. Als Abschluss nach dem Hammergraben dient ein eiserner Zaun. Zwei Brunnen auf dem Hofe, die während der Pause in je 8 Strahlen ausspringen, geben Gelegenheit, den vom Lauf ermatteten Buben und den vom Ballfangen erhitzten Blondzopf zu erquicken. Bäumchen um die Brunnen und am Rande des Platzes beleben die Eintönigkeit freundlich. Der Abstand nach der Tillmannsstraße ermöglicht den späteren Ausbau auf 28 Klassen.

Nun sehen wir noch einmal auf den Bau hinauf. Wie wir schon sagten, die ganze Baumasse ist in ebenso einfacher, wie wirkungsvoller Weise zur Entwicklung gebracht. Bemerkenswert ist im besonderen die Art, in der mit den denkbar einfachsten Hilfsmitteln selbst unter Verzicht auf die herkömmlichen Gurt- und Fenstergesimse, Verdachungen und dergleichen, eine ungewöhnlich günstige Gesamtbildwirkung erzielt wurde. Den besonderen architektonischen Schmuck bildet das – ebenso wie die Fensterbänke – mit Biberschwanzziegeln abgedeckte Hauptgesims. Der Sockel an der Hauptfront ist aus Grauwacke und die Portalbekleidung aus Kunstmuschelkalk hergestellt. So stellt sich das Ganze als eine Lösung dar, wodurch es Architekt Gorris verstanden hat, ein würdiges, überaus gelungenes Gebäude der Stadt zu errichten, das den Bürgern Genugtuung verschafft, den Lehrenden und Lernenden einen angemessenen Aufenthalt bietet.

Soweit der zweiteilige Bericht von Paul Schulte. 100 Jahre nach der Errichtung stellt sich den Haspern indes die Frage: Wie geht es weiter mit diesem  gelungenen Gebäude“, wenn es beizeiten die Heubing-Hauptschule nicht mehr gibt? Wird es vielleicht vom benachbarten Christian-Rohlfs-Gymnasium übernommen? Man darf gespannt sein, wie die Politik entscheidet…