Ukrainer wollen Demokratie

Hagen. (ME) Über die Lage in der Ukraine berichtete in der vergangenen Woche Oksana Marscheider im wochenkurier. Die heute in Hagen lebende Frau stammt aus dem eher Russland zuneigenden Teil des Landes. Eine ganz andere Sichtweise als Oksana Marscheider offenbart Olga Waltherr. Die gelernte Agrar-Ingenieurin ist 40 Jahre alt, stammt aus der Stadt Odessa am Schwarzen Meer und lebt seit fast zehn Jahren in Deutschland. In Odessa wohnen nach wie vor ihre – russisch stämmigen – Eltern und Freunde, die sie oft besucht. Ebenso weilt sie häufig in Kiew und im Osten der Ukraine, sagt sie.

Sie hat sich beim wk gemeldet, „damit die Leser nicht allein Oksana Marscheiders pro-russische Sicht der Lage erfahren, sondern ebenfalls die pro-ukrainische (oder pro-europäische, wie wir es auch nennen könnten). Meine Angehörigen würden sich freuen, wenn man in Hagen – sozusagen durch mich – ihre Meinung erfährt.“

Einseitig

„Die Aussagen von Frau Marscheider,“ sagt Olga Waltherr, „spiegeln die gegenwärtige Situation in der Ukraine ziemlich einseitig. Bei weitem nicht alle Ukrainer betrachten die Situation so, wie Frau Marscheider es tut. Meine Verwandten waren auf dem Maidan von Anfang an dabei, und jetzt, nach gut einem Monat nach der Revolution, durchqueren sie tagtäglich das Stadtzentrum auf dem Weg zur Arbeit. Das heißt: Mit der Situation vor, während und nach der Revolution sind sie voll vertraut.“

Weder gebe es in Kiew eine besondere Militärpräsenz noch Taschenkontrollen bei Zivilisten durch das Militär. „Und auch die angeblich so vielen Häuser mit Brandspuren existieren nicht. Eine Ausnahme stellt lediglich das alte Gewerkschaftshaus dar. An dieser Stelle möchte ich ferner klarstellen, dass die Demonstrationen nur auf dem Maidan und den umliegenden Straßen im Stadtzentrum stattgefunden haben. Die restliche (übrigens, sehr große) Stadt blieb davon verschont, das Leben lief wie gewohnt weiter.“

Anders als von Oksana Marscheider dargestellt, sei kein einziges Wohnhaus in Kiew vom Brand der Revolution erfasst oder zerstört worden: „Die Barrikaden standen in Flammen, nicht die Häuser. Über die Geschichte von Menschen, die in abgebrannten Wohnungen leben, sind meine in Kiew lebenden Freunde äußerst verwundert – denn keine einzige Wohnung war von den Unruhen derart betroffen. Auch mit der Aussage, die Atmosphäre sei bedrückend, sind meine Lieben aus Kiew und Odessa ganz und gar nicht einverstanden! Drückend und bedrückend wirkt allein die Gegenwart russischer Streitkräfte an der östlichen ukrainischen Grenze, aber nicht die Stimmung nach der Revolution.“

Sehr kühn

Olga Waltherr kann auch nicht die Aussage nachvollziehen, dass die Ukrainer „nach einem starken Mann schreien“. Hierzu Olga Waltherr: „Sehr kühn finde ich von Frau Marscheider, ihre persönliche Meinung als Meinung des ganzen Volkes darzustellen. Nach all dem, was ich zusammenfassen kann, schreien die Ukrainer nicht nach einem starken Diktator, sondern nach einer ehrlichen, nicht korrupten Regierung, die das Land nach modernen demokratischen Prinzipien führt. Zwei Fünftel der Ukrainer meinen, dass der Präsidentschaftsbewerber Pjotr Poroschenko – erfolgreicher Unternehmer, weltoffener Politiker, Doktorand in Jura-Wissenschaften – dieses hohen Amtes würdig ist.“

Die Behauptung, dass 90 Prozent der Bevölkerung im Osten der Ukraine Putin das Vertrauen schenken, will Olga Waltherr nicht in Abrede stellen. Aber: „Das sind nur einige wenige Regionen an der Grenze zu Russland. Die Ukraine ist viel, viel mehr als nur der Osten. Der größte Teil der Ukrainer protestiert vehement gegen die Krim-Annexion durch Russland. Der Großteil der Ukrainer schenkt Putin gar kein Vertrauen, ganz im Gegenteil – sie fürchten ihn. Sie hoffen, genau wie die Leute auf der Krim, auf eine bessere Zukunft – aber nicht unter dem Putin-Regime, sondern in einem unabhängigen, selbstständigen Staat.“

Putin: Willkür

Befremdlich war für Olga Waltherr auch die Einstellung Oksana Marscheiders zu Putins Handlungen hinsichtlich der Ukraine. „Durch den Druck der Westmächte in die Enge getrieben, wird er doch zu aggressivem Verhalten gezwungen“, meinte Oksana Marscheider. Olga Waltherr hingegen sagt: „Soll die Welt tatenlos zusehen, wie sich Putin mittels Militärgewalt Stück für Stück eines unabhängigen Staates aneignet? Sind die Westmächte daran schuld, dass er die Streitkräfte an der östlichen ukrainischen Grenze ansammelt? Sieht er sich etwa durch die EU gezwungen, die Ukraine zu bedrohen? Für mich sieht es nicht danach aus, als ob irgendjemand ihn in die Knie zwingen will – eher umgekehrt. Durch die Blockaden versucht der Westen seine Willkür zu unterbinden.“

Olga Waltherr betont: „Ich habe mich, offensichtlich im Gegensatz zur Frau Marscheider, in der Ukraine immer sicher gefühlt und in Frieden gelebt. Ich fühle mich sicher bei meinen Besuchen. Ich hoffe auch für meine Lieben und für alle anderen Bewohner dieses offenen, gastfreundlichen Landes auf eine bessere Zukunft mit Demokratie, Freiheit, Frieden und Wohlstand, Seite an Seite mit europäischen Ländern – und NICHT wieder hinter dem Eisernen Vorhang in einem totalitären russischen Staat.“