Unabhängig von der ha.ge.we

Hagen. (ME) Sobald Herrchen bestimmte Bewegungen macht, weiß der Hund: Aha, ich kriege gleich Futter. Und prompt läuft dem Tier schon das Wasser im Mund zusammen. Diese Abläufe beobachtete einst der russische Forscher Iwan Pawlow. Heute spricht man folglich gerne vom „Pawlowschen Reflex“, wenn irgendwelche Tätigkeiten sofort vorhersehbare Reaktionen hervorrufen.

Das Thema „Hagewe-Kauf“ ist für Christoph Rehrmann endgültig vom Tisch. Das Torhaus am Hasper Kreisel genießt beim Geschäftsführer der GWG aber weiter eine hohe Priorität - unabhängig davon, ob die Stadt einziehen wird. (Foto: Michael Eckhoff)

Einen „Pawlowschen Reflex“ kann man immer auch beobachten, wenn jemand über die Zukunft des städtischen Hagener Wohnungsunternehmens Hagewe („ha.ge.we“) spricht. So wie neulich. Vor einigen Wochen deutete Christoph Rehrmann, Geschäftsführer der Hasper Wohnungsgenossenschaft GWG, seine Bereitschaft an, eventuell – falls es politisch gewünscht und wirtschaftlich vernünftig sei – über einen Kauf der Hagewe oder über eine Beteiligung an ihr nachdenken zu wollen. Doch kaum war diese Idee in die Öffentlichkeit gelangt, brach ein Sturm der Entrüstung los. Wobei sich prompt all jene empörten, die sich immer entrüsten, wenn es um die Hagewe geht, so wie beispielsweise Mietervereins-Funktionär Klaus Budde. Dem GWG-Geschäftsführer wurde gar Größenwahn vorgeworfen.

Nicht vom Tisch

Inzwischen hat Rehrmann seine Idee begraben und dies auch am 13. Juli öffentlich verkündet. Trotzdem ist das Thema noch nicht vom Tisch. Die SPD hat letzte Woche sogar eine Resolution verabschiedet. Überschrift: „Hände weg von der ha.ge.we!“ Darin wurde weniger Christoph Rehrmann zur Zielscheibe, sondern hauptsächlich Oberbürgermeister Jörg Dehm. Der hatte nämlich in der letzten Ratssitzung am 14. Juli 2011 verkündet, nach der Sommerpause „über die Zukunftsfähigkeit der ha.ge.we“ diskutieren zu wollen. Diese Aussage verübeln ihm die Sozialdemokraten und werfen ihm vor „sich klar ins Lager der längst überwunden geglaubten Privatisierer städtischen Tafelsilbers und damit ins politische Abseits zu stellen“.

In diesem Zusammenhang verweist die SPD erneut auf einen Ratsbeschluss vom 13. März 2002, worin die Unverkäuflichkeit der ha.ge.we festgehalten wurde. Dieser Beschluss sei bindend – auch für den OB. Würde die Hagewe verkauft, stünde die Attraktivität des Wohnens in Hagen auf dem Spiel, lehnte sich die SPD aus dem Fenster.

Große Leerstände

Abgesehen davon, dass der Ratsbeschluss fast zehn Jahre alt ist, floss seitdem viel Wasser die Volme hinab. Da genügt ein Blick auf die Einwohnerzahl, um zu verdeutlichen, welche Probleme insbesondere auf dem Wohnungsmarkt auf die Hagener zukommen: 1975 – auf dem Höhepunkt der Hagener Einwohnerentwicklung – zählte die Volmestadt rund 230.000 Menschen. Jetzt, gut dreieinhalb Jahrzehnte später, sind wir auf 190.000 runter. Und der Aderlass geht weiter. Nicht mehr allzu fern ist wahrscheinlich der Tag, an dem wir unter 180.000 rutschen. Hinzu kommt bekanntlich die zunehmende Überalterung, was sich ebenfalls gravierend auf die Zukunft des Wohnens auswirken wird.

Man muss befürchten, dass ganze Stadtviertel veröden werden. Einige der großen Gesellschaften weisen inzwischen Leerstände von deutlich über zehn Prozent auf. Tendenz eher steigend. Insofern liegt die Aussage des Oberbürgermeisters, über die Zukunft nachdenken zu wollen, durchaus auf der Hand. Die Diskussion darüber, wie es in Hagen städtebaulich und wohnungspolitisch weiter gehen soll, ist dringend nötig – und zwar abseits von jeglicher Parteipolitik. Und abseits auch von der Frage, wie erfolgreich sich ein Unternehmen derzeit auf dem Markt tummelt.

„Kein Drama“

Für Christoph Rehrmann „ist das Hagewe-Thema jedenfalls vorerst durch“. Dass die „Politik offenbar mehrheitlich keine weiteren Gespräche wünscht, ist für uns wahrlich kein Drama“. Er hält sich zwar weiterhin die Option offen, sein Unternehmen durch Zukäufe im Hagener Raum stärken zu wollen, damit „wir noch attraktiver werden“. Aber die Hagewe nimmt in seinen Überlegungen fortan keinen Raum mehr ein. Was er durchaus als „schade“ empfindet. „Schließlich passen beide Unternehmen gut zueinander.“ Beide entstammen dem System der Gemeinnützigkeit, beide sind fest in Hagen verankert und beide fühlen sich der Heimat verpflichtet. Und: „Die GWG ist keine Heuschrecke!“

Es gibt jedoch einen wirklich wesentlichen Unterschied: Während die GWG als Genossenschaft praktisch einzig den Mietern gehört (die auch Mitbestimmungsrechte haben), ist die Hagewe als städtisches Unternehmen eher Spielball der Politik. Sprich: Nicht die Mieter haben hier das Sagen, sondern Politiker.

Torhaus bleibt Thema

Ein anderes GWG-Thema genießt bei Christoph Rehrmann hingegen weiterhin höchste Priorität: Das Torhaus am Hasper Kreisel. Zur Erinnerung: schon vor einigen Jahren befürwortete der frühere Oberbürgermeister Dietmar Thieser den Abriss des Bunkerklotzes im Scheitelwinkel von Berliner-/ Voerder- und Kölner Straße. Ihn umtrieb das Problem der mangelhaften Verzahnung von altem und neuem Hasper Zentrum. Das neue Zentrum rund um die Vollbrinkstraße wurde in den frühen 1980er Jahren völlig falsch geplant. Die Fehlplanungen von damals zeigen sich heute rund um den Hüttenplatz mit allerlei Missständen. Ein großes Hindernis all die Jahre: der Bunker.

Christoph Rehrmann griff die Thiesersche Idee auf, kaufte den Bunker und ließ ihn vor ein paar Monaten dem Erdboden gleich machen. An seiner Stelle soll das „Torhaus“ errichtet werden. Rehrmanns Vorschlag: hier an der Nahtstelle könnte die Stadt Hagen – mittenmang zwischen altem und neuem Zentrum – die städtischen Einrichtungen (Bürgerbüro, Stadtbücherei und Bezirksverwaltungsstelle) bündeln.

Wurde der Vorschlag insbesondere von Dietmar Thieser, mittlerweile Bezirksbürgermeister, begeistert aufgenommen, gab es anderswo – insbesondere in der CDU – massive Widerstände. „Viel zu teuer“, heißt es aus den Reihen der Union. „Da lassen sich preiswertere Lösungen finden.“ Das parteipolitische „Hickehacke“ hat natürlich Auswirkungen auf den Baufortschritt beim Torhaus. „Ich kann die Planungen erst dann vorantreiben, wenn ich weiß, was die Politiker wollen“, betont Rehrmann. Steige die Stadt aus dem Rennen aus, sei dies absolut kein Drama für die GWG, hätte aber neue Überlegungen zur Folge, was sich möglicherweise auf den Zeitpunkt der Fertigstellung auswirke.