Und dann kam der Dauerregen

Hagen. (ME) Was stand bei den Hagenern vor 100 Jahren – also am Vorabend des Ersten Weltkriegs – im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ mit einem Blick in den April fort.

Autor dieses Beitrags ist abermals Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach. Er schreibt:

Ins Wasser gefallen

Am Sonntag, 5. April, war in Hagen verkaufsoffener Sonntag. Die Geschäfte hatten aus diesem Anlass ihre Schaufenster der Jahreszeit entsprechend besonders prächtig und frühlingshaft geschmückt. Am Morgen schien die Sonne – der Tag versprach ein herrlicher Frühlingstag zu werden.

Doch der so schön begonnene Tag hielt nicht, was er am Morgen verheißen hatte. Bereits am Mittag sammelten sich am Himmel dicke Regenwolken und kurz danach begannen auch schon die ersten Tropfen zu fallen. Der einsetzende Dauerregen hielt bis zum Abend an und machte manchen geplanten Sonntagsausflug zunichte. Andere Ausflügler wurden in Wald und Flur vom Regen überrascht und kehrten durchnässt heim. Die großen Hoffnungen, die viele Hagener Geschäftsleute auf den verkaufsoffenen Sonntag gesetzt hatten, wurden daher nur zum Teil erfüllt.

Wie die „Hagener Zeitung“ am nächsten Tag berichtete, war der Publikumsverkehr in den Geschäftsstraßen nicht größer als an jedem anderen Sonntag. Lediglich einige Hut- und Schuhgeschäfte hatten einen guten Geschäftstag.

Kritiker-Streit

Anfang April 1914 rauschte es gewaltig im Hagener Zeitungsblätter-Wald. Den Wind dafür lieferte eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Musikdirektor und Komponisten H. Ziegler aus Essen und dem Musikkritiker der „Hagener Zeitung“, Fritz H. Chelius. Chelius war mit seinen Kritiken allgemein nicht zimperlich und hatte ein am Sonntag, 29. März, im Wehringhauser Germaniasaal von Ziegler organisiertes und dirigiertes Massenchor-Konzert sowohl hinsichtlich der Auswahl der Stücke als auch der Gesangsleistungen gnadenlos verrissen.

Anfang April 1914 rauschte es gewaltig im Hagener Zeitungsblätter-Wald. Den Wind dafür lieferte eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Musikdirektor und Komponisten H. Ziegler aus Essen und dem Musikkritiker der „Hagener Zeitung“, Fritz H. Chelius. (Abb.: Hagener Zeitung vom 2. April 1914/Stadtarchiv Hagen)
Anfang April 1914 rauschte es gewaltig im Hagener Zeitungsblätter-Wald. Den Wind dafür lieferte eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Musikdirektor und Komponisten H. Ziegler aus Essen und dem Musikkritiker der „Hagener Zeitung“, Fritz H. Chelius. (Abb.: Hagener Zeitung vom 2. April 1914/Stadtarchiv Hagen)

„Wenig Interesse“

Das wollte der Musikdirektor und Komponist aber nicht auf sich sitzen lassen und reagierte darauf mit einer ausführlichen Erwiderung, die am 2. April in der „Hagener Zeitung“ erschien. Darin stellte der Einsender zunächst genüsslich fest, dass Herr Chelius selbst erst reichlich eine Viertelstunde nach Beginn der Veranstaltung erschienen sei. Daraus sei schon zu ersehen, so heißt es in der Zuschrift weiter, dass der Zeitungsmann der Sache „von vornherein wenig Interesse“ entgegengebracht habe. Er sei vielmehr als „Kritiker mit Voreingenommenheit“ gekommen und habe in seiner „entstellten Berichterstattung“ Sonderinteressen vertreten.

Zwar musste der Musikdirektor zugeben, dass die Leistungen der Sängerinnen und Sänger nicht alle gleich gut waren und es hier und da einige Patzer gab. Er wies jedoch darauf hin, dass es sich nicht um Berufssängerinnen und -sänger, sondern um gesangsfreudige Laien handelte. Im Übrigen spreche für die hohe Qualität und seine eigene Leistung als Organisator und Dirigent, dass man schon zahlreiche erste Preise, Ehren- und Hauptpreise gewonnen habe.

Unter seiner Würde

Diesen deutlichen Angriff auf die Integrität seiner Person und seine fachliche Kompetenz wollte und konnte der Musikkritiker nicht auf sich sitzen lassen. Er reagierte darauf postwendend mit einer großformatigen und am nächsten Tag in der „Hagener Zeitung“ veröffentlichten scharfen Erklärung. Darin ließ er wissen, dass er es ablehne, sich mit dem Musikdirektor Ziegler in eine Auseinandersetzung über „die künstlerische Würdigung und Darbietung“ des besagten Massenchor-Konzerts einzulassen. Auf die Vorwürfe und Unterstellungen des Herrn Ziegler zu antworten, halte er „unter (seiner) Würde“. Das „pflichtgemäße Urteil“ des durch seine musikalisch-akademische Vorbildung berufenen Kritikers sei eben anders zu bewerten als die „erregten Ausführungen des Veranstalters“.

In einem Nachsatz teilte der Vorsitzende des Presse-Vereins Hagen, Thiebes, mit, dass sich der Presse-Verein mit dem Vorfall beschäftigt habe und der vorstehenden Erklärung seines Mitglieds „in jeder Beziehung „ beitrete. Weiteres ist darüber in der Hagener Presse nicht erschienen.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.