Und wieder wandelt sich Hagens Innenstadt

Von Michael Eckhoff

Hagen. Das aus Grünwald bei München stammende Stadtentwicklungsunternehmen Gedo hat vor zwei Jahren fast den gesamten Eckbereich Mittel-/Rathausstraße mitsamt früherem Victoria-Kino (später Kaufpark) und ehemaligem Butz-Zeitungsverlag („Hagener Zeitung“, später Stadtarchiv) abreißen lassen, um hier im Zuge einer 120-Millionen-Euro-Investition eine neue Einkaufspassage („Rathaus-Galerie“) mit 70 Geschäften zu schaffen. Für den wochenkurier ein guter Grund, mal ein bisschen in der Geschichte der Hagener Innenstadt zu blättern.

Zwar wurde Hagen bereits 1746 zur Stadt erhoben, war jedoch Mitte des 18. Jahrhunderts nur eine eher unbedeutende Ortschaft, die sich vornehmlich um die Johanniskirche gruppierte. Die katholische Kirche stand seinerzeit am Rande des Ortskerns – in der heutigen Mittelstraße, dort, wo sich jetzt das Schuhhaus Salamander befindet. Ein richtiges Rathaus entstand erst 1831 – allerdings ebenfalls am Rand des eigentlichen Ortskerns. Der seinerzeitige Rathaus-Bau erhob sich ziemlich genau dort, wo heute die „Volme-Galerie“ am Ebert-Platz steht, und enthielt anfänglich auch noch das Gericht und eine Schule.

Eisenbahn als „Motor“

Zwischen den beiden Polen Johanniskirche und Rathaus entwickelte sich noch im 19. Jahrhundert eine der wichtigsten „Geschäftsmeilen“ der Stadt – die Mittel-/Elberfelder Straße.

Ein weiterer wesentlicher Faktor für die städtebauliche Entwicklung Hagens war vor allem die Eisenbahn. Durch die Lage im Schnittpunkt mehrerer Täler und Gewerberegionen war Hagen ideal für die Anlage eines Eisenbahnknotenpunkts. Mit der Errichtung eines recht weit vom historischen Ortskern entfernt liegenden Bahnhofs 1848 wurde zudem die Weiche gestellt für die Entwicklung unterschiedlicher Dreh- und Angelpunkte.

Schneller Wiederaufbau

Noch vor dem Ersten Weltkrieg mauserte sich Hagen zur Haupteinkaufsstadt des vorderen Sauerlandes – mit zahlreichen Kaufhäusern wie Kornblum am Markt und Alsberg (später Defaka) in der Elberfelder Straße. Die Namen Alsberg und Kornblum sind verschwunden, von ihren Bauten sind noch Teile erhalten (Ring 1 und Commerzbank).

Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, lagen große Teile der Stadt in Trümmern. Die Innenstadt erreichte gar einen Zerstörungsgrad von nahezu hundert Prozent. Schnell machten sich die neuen Stadtväter unter Oberbürgermeister Fritz Steinhoff daran, den Wiederaufbau zu planen – und bald wurde Hagen weithin gerühmt als die Stadt im rheinisch-westfälischen Industriebezirk, die als erste ihren Wideraufbauplan vorlegen konnte.

Die ersten Fertigstellungen (etwa im Markt-Viertel nahe der Johanniskirche) können in ästhetischer Hinsicht heute sicherlich nicht befriedigen, aber um Ästhetik ging es damals den Menschen zunächst auch nicht, sondern eher darum, schnell ein „Dach über dem Kopf“ zu bekommen. Bereits Anfang der 1950er Jahre begann sich diese Einstellung rasch zu ändern. Erste Wettbewerbe wurden durchgeführt – mit zum Teil beachtlichen Ergebnissen, etwa bei der Gestaltung des Volkspark-Umfeldes. Insbesondere die Stadtverwaltung Hagen (mit dem späteren Stadtbaurat Herbert Böhme) ging beispielhaft voran und legte großen Wert auf „Kunst am Bau“.

Die 60er Jahre brachten unter anderem die Errichtung eines neuen Rathauses, den Bau großer Kaufhäuser (z.B. Horten) und das erste Hochhaus (das erhaltene Verwaltungsgebäude des Rathauses).

In den 70er Jahren verschwanden nicht allein die Straßenbahnen aus dem Stadtbild, sondern auch zahlreiche Stahlwerke. Großzügige Sanierungen und die Planung zahlreicher Renommierprojekte (Fernuniversität, Stadthalle, Gewerbegebiet Unteres Lennetal etc.) sollten über die Stahl-Krise hinweghelfen. Zu den Neuerungen gehörte ferner die Schaffung einer Fußgängerzone (zunächst nur im Bereich der Elberfelder Straße).

Stillstand in den 80ern

Die frühen 80er Jahre brachten einen gewissen Stillstand. Manche Stadtplaner glaubten, es sei sinnvoller, sich auf den Erhalt des Vorhandenen zu konzentrieren, weil die Einwohnerzahl eh sinken werde und man deshalb kaum noch neue Geschäfts- und Wohngebiete benötige. Als größtes städtisches „Reparaturvorhaben“ wurde die Umgestaltung des Bahnhofsviertels in Angriff genommen, die aber erst zwei Jahrzehnte später zum Abschluss kam.

Seit den 90er Jahren nahm die Stadtverwaltung die Planung von neuen Gewerbe- und Wohngebieten wieder verstärkt auf. Und auch der Errichtung einer „Neuen Mitte“ sowie dem Projekt „Volmeaue“ schenkte man die gebührende Aufmerksamkeit. Darüber hinaus darf an dieser Stelle auch das neue Museumsquartier an der Hochstraße nicht unerwähnt bleiben – galt es doch mit der Erweiterung/Renovierung des Osthaus-Museums und mit dem Neubau des Emil-Schumacher-Museums ein sowohl städtebauliches wie auch kulturpolitisches Zeichen zu setzen.
Womit wir gleichsam wieder in die Mittel-/Elberfelder Straße (in alten Plänen übrigens nur „Haubtstraße“ genannt) und zum Friedrich-Ebert-Platz zurückkehren. Hier steht mit dem Umbau der Volme-Galerie die nächste große Investition auf dem Terminplan. Das alte Horten-Haus wird hinterher nicht mehr zu erkennen sein. Und auch in den anderen Straßen der Innenstadt machen sich zahlreiche Hausbesitzer auf den Weg, ihre Immobilien zu verschönern. Hagens Innenstadt wird folglich noch weiter an Attraktivität gewinnen und möglicherweise wieder zur Haupteinkaufsmetropole des vorderen Sauerlandes werden, wie früher.

Nachttöpfe nicht entleeren!

Noch ein „Schmankerl“ zum Schluss. Zur Geschichte der Mittelstraße schrieb der Heimatforscher Richard Althaus 1981:

Eine Straßenverordnung von 1837 verfügte, dass ab sofort Misthaufen von der Straße verschwinden, Nachttöpfe nicht mehr auf die Straße entleert werden und dass kein Vieh über die Hauptstraße geführt werden darf.“ Ferner durften Spiegel nur verdeckt über die Straße getragen werden (da das Blitzen in der Sonne die Pferde scheu machen konnte), und wer eine Pfeife ohne Deckel rauchte, bezahlte wegen der Brandgefahr eine Strafe von 20 Silbergroschen. Recht bald regten die an der Mittelstraße ansässigen Geschäftsleute die Einrichtung einer Gasbeleuchtung an. 1871 brannten dann im Bereich der damaligen Innenstadt 128 Laternen, davon 22 die ganze Nacht.

An alledem wird mal wieder deutlich, was jeder Einzelhändler nur zu gut weiß: Nichts ist beständiger als der Wandel!