Undurchsichtiger Selbstmordversuch

Hagen. (ME) Was stand bei den Hagenern vor 100 Jahren – also am Vorabend des Ersten Weltkriegs – im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ zum zweiten Mal mit einem Blick in den April fort.

Autor dieses Beitrags ist abermals Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach. Er schreibt:

Gesprächsstoff

Für reichlich Gesprächsstoff sorgte im April 1914 in Hagen die etwas undurchsichtige Geschichte eines Lebensmüden. Am Mittag des Samstags vor Ostern entdeckten Passanten in der Grünstraße in der Nähe des Stadtgartens einen offenbar lebensmüden Mann, der versuchte, sich zu erschießen. Mit einem Revolver schoss er sich in die linke Brustseite und brach dann zusammen. Einen der herbeigeeilten Herren bat er, ihm den abseits liegenden Revolver zu reichen, damit er sich noch einen Schuss gebe. Dieser Wunsch wurde ihm aber nicht erfüllt.

Der Schwerverletzte gab an, dass er am Tag zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden sei. Er könne kein Unterkommen finden und sei lungenkrank. Nach Benachrichtigung der Polizei wurde der Mann ins nahe Allgemeine Krankenhaus gebracht. Allerdings stellte sich dann heraus, dass die von ihm als Hauptgrund für seine Selbstmordabsicht angegebene vergebliche Suche nach einer Unterkunft frei erfunden war. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem Mann um einen Alkoholiker, der aber in den letzten zwei bis drei Jahren mit kurzen Unterbrechungen auf Kosten der städtischen Armenverwaltung in Krankenhäusern behandelt und in Pflegehäusern untergebracht und versorgt worden war. Zuletzt befand er sich vom 28. März bis zum 9. April wieder im örtlichen Allgemeinen Krankenhaus. Am letztgenannten Tag wurde er mit der Weisung entlassen, sich bei der städtischen Armenverwaltung zu melden, um erneut im Pflegehaus untergebracht und versorgt zu werden. Das war von ihm aber strikt abgelehnt worden.

Die städtische Armenverwaltung hatte ihm jedoch mit Rücksicht auf die bevorstehenden Ostertage eine Barunterstützung von 3 Mark gewährt, obwohl diese ihm gar nicht zustand. Der Mann bezog nämlich ein Invalidenrente, die er jedoch auf Grund seiner Trunksucht nicht in bar, sondern in Form von Sachleistungen erhielt. Warum der Mann nun den Selbstmordversuch unternommen hatte, blieb letztlich ungeklärt. Allerdings meinte die städtische Armenverwaltung, ihn der Trinkerei und dem Eigensinn des Mannes zuschreiben zu können.

Ertrunken

Noch ein anderes betrübliches Ereignis bewegte vor Ostern 1914 die Menschen in der Stadt Hagen. In Wehringhausen zwängte sich am Nachmittag des Donnerstags vor Ostern ein siebenjähriger Junge an der Schwanenstraße durch eine Lücke im Zaun zur Ennepe hin und gelangte so zum dortigen Hammerteich der Firma Post.

Bei dem Versuch, sich Gegenstände aus dem Teich zu fischen, fiel er ins Wasser und ging sofort unter. Ein Bahnbeamter, der den Vorgang im letzten Augenblick gesehen hatte, eilte hinzu und zog den Jungen aus dem Wasser. Die Wiederbelebungsversuche blieben jedoch erfolglos – das Kind musste seinen Eltern als Leiche zurückgebracht werden. „Traurige Feiertage sind der Familie beschert“, schrieb dazu die „Hagener Zeitung“ in ihrem Bericht über das Unglück.

Schwemann und Schaberg

Es war nicht der einzige Todesfall, der kurz vor Ostern großes öffentliches Interesse erregte. Am Karfreitag wurde der Hagener Fabrikant und Kommerzienrat Karl Georg Schwemann zu Grabe getragen. Gegen 1:00 Uhr nachmittags sammelte sich vor dem Wohnhaus des Verstorbenen in der Bergstraße ein riesiges Trauergefolge. Darunter befanden sich Oberbürgermeister Willi Cuno, die Dezernenten der Stadtverwaltung, Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung, der Landgerichtspräsident, Vertreter der Handelskammer, zahlreiche Industrielle und Kaufleute, Lehrer sowie andere Bürger der Stadt. Nach einer kurzen Andacht im Trauerhaus setzte sich der lange und von den Arbeitern der Firmen Erkenzweig & Schwemann und Söding & Halbach angeführte Trauerzug in Richtung Buschey-Friedhof in Bewegung, wo der Verstorbene in der dortigen Familienerbgruft beigesetzt wurde.

Bereits am nächsten Tag, dem Ostersamstag, konnten die Hagener einen neuerlichen langen Trauerzug durch die Stadt ziehen sehen. Dieses Mal wurde der im Alter von 81 Jahren verstorbene Geheime Sanitätsrat und Ehrenbürger der Stadt Hagen, Stabsarzt a.D. und Träger zahlreicher hoher Orden, Dr. Heinrich Schaberg, zu Grabe getragen. Wiederum bewegte sich eine schier endlose Menschenschlange, dieses Mal von dem Sterbehaus in der Hochstraße aus, in Richtung Buschey-Friedhof. Voran schritt der örtliche Krieger- und Landwehrverein mit trauerumflorter Fahne und begleitet von einer Musikkapelle. Ein Offizier trug auf einem Kissen die Orden und Ehrenzeichen des Verstorbenen, der an den Kriegen von 1866 und 1870/1871 teilgenommen hatte. Unmittelbar hinter dem Sarg schritten mit den Angehörigen wiederum der Oberbürgermeister und zahlreiche Stadtverordnete. Außer vielen Ärzten aus der näheren und weiteren Umgebung, hatten sich auch Hunderte von Hagener Bürgern, die mit dem Verstorbenen während seiner langen ärztlichen Tätigkeit in der Stadt in Kontakt gekommen waren, dem Trauerzug angeschlossen.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.