Unerträglich, Unglücke, Unfälle

Hagen. (ME) Was stand bei den Hagenern am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ abermals mit einem Blick in die Wochen vor genau hundert Jahren fort.

Es berichtet wieder Dr. Gerhard E. Sollbach:

Ende Juni hatte ein Doppelmord Entsetzen und Empörung in der Hagener Bevölkerung hervorgerufen. Allerdings war die Mordtat nicht in Hagen geschehen, sondern auf dem fernen Balkan. Am 28. Juni erschoss ein Attentäter den österreichischen Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und dessen Gemahlin bei einem Besuch in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo. Dass daraus ein Weltkrieg entstehen würde, ahnte noch niemand. Folglich hatte man zunächst noch ganz andere Sorgen.

Unfälle

Mit dem auch in Hagen zunehmenden, wenn auch noch sehr bescheidenen Automobilverkehr mehrten sich weiterhin die Automobilunfälle. Am Nachmittag des 23. Juni ereignete sich ein solcher Unfall an der Ecke Körner-/ Heidenstraße (heutige Rathausstraße). Ein Privatauto prallte beim Einbiegen aus der Körnerstraße in die Heidenstraße gegen den Bordstein. Entweder hatte der Fahrer die Kurve zu weit genommen, oder das Fahrzeug war auf dem durch Regen rutschig gewordenen Asphalt aus der Spur geraten. Das Automobil übersprang den Bordstein und landete schließlich an der Wirtschaft „Zur Körnereiche“. Der Aufprall war so heftig, dass der Wagen schwer beschädigt wurde. Die Insassen überstanden den Unfall jedoch sämtlich unverletzt.

Eine Anzeige in der Hagener Zeitung vom 11.6.1914: Aufruf mit dem Ziel, das Volmetal zu schützen. (Abb.: HZ/Stadtarchiv Hagen)
Eine Anzeige in der Hagener Zeitung vom 11.6.1914: Aufruf mit dem Ziel, das Volmetal zu schützen. (Abb.: HZ/Stadtarchiv Hagen)

Staub

Probleme mit dem zunehmenden Automobilverkehr hatten aber auch die Bewohner des Volmetals im südlichen Stadtgebiet und darüber hinaus. Zwar lag nach einer am 16. Juni 1914 in der „Hagener Zeitung“ erschienenen Statistik Deutschland hinsichtlich der Anzahl der Automobile nur hinter dem Spitzenreiter USA zurück. Doch betrug die Gesamtzahl der damals in Deutschland vorhandenen Kraftfahrzeuge lediglich rund 93.000. Die Bewohner des Volmetals fühlten sich vor allem durch den Staub belästigt, den die auf der sich zudem in schlechtem Zustand befindenden Volmetal-Chaussee „rasenden“ Automobile verursachten.

Um dagegen etwas zu unternehmen, aber auch aus anderen Gründen, wurde von einigen Wortführern die Gründung eines Verkehrsvereins „Zum Schutze des Volmetals gegen die schreiende Automobilplage“ angeregt und zu diesem Zweck eine öffentliche Versammlung aller Bewohner des Volmetals in dem Lokal „Zum Löwen“ des Brauereibesitzers Eduard Vormann in Dahl veranstaltet.

Unerträglich

In der zahlreich besuchten Versammlung waren sich alle Erschienenen darüber einig, dass die „unerträgliche Automobilstaubplage“ unbedingt einer Abhilfe bedürfe. Diese sei auch im wirtschaftlichen Interesse der Bewohner dringend erforderlich. Es habe sich hier nämlich in den letzten Jahren ein ganz offensichtlich durch die Automobilstaubplage verursachter starker Rückgang des dortigen Fremdenverkehrs ergeben, obwohl das Volmetal auf Grund des steten Anwachsens der Bevölkerung in der Stadt Hagen und der besseren Reiseverbindungen eigentlich eine Steigerung hätte erfahren müssen. Als eine der Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation wurde unter anderem vorgeschlagen, die für die Volmetalstraße zuständige Provinzial-Straßenverwaltung aufzufordern, eine Verbesserung des „traurigen Zustands“ der Straße herbeizuführen.

Ein anderer Vorschlag besagte, dass man auf eine Sperrung der Volmetalstraße für den Automobilverkehr zumindest an den Sonn- und Feiertagen drängen solle. Allerdings sollte die Sperrung nur den Vergnügungsverkehr betreffen, von dem die Bewohner des Volmetals sowieso keinen Nutzen hätten, da es sich dabei überwiegend um Durchgangsverkehr zum Agger- und Rheintal handele. In der Erkenntnis, dass nur eine ständige Arbeit im Namen einer großen Gruppe etwas bewirken könne, beschloss die Versammlung die Gründung des angeregten Verkehrsvereins mit Sitz in Dahl.

Markttag-Verlegung

Im Stadtteil Wehringhausen sorgte im Juni 1914 eine andere Angelegenheit für Unruhe und Unmut bei den Bewohnern. Aus der Erkenntnis, dass für die Versorgung der rasch wachsenden Bevölkerung in der Stadt Hagen die Einrichtung eines zweiten Großhändler-Wochenmarkts erforderlich sei, hatte die Stadtverwaltung die Verlegung des bisher freitags abgehaltenen Wochenmarkts in Wehringhausen auf den Samstag vorgeschlagen. Auf diese Weise sollte der Freitag für den geplanten zweiten Großhandels-Wochenmarkt in der Altstadt frei werden. Doch dieser städtische Vorschlag stieß bei den Wehringhausern auf Bedenken und teilweise auch strikte Ablehnung.

Das wird verständlich, wenn man bedenkt, dass der Wochenmarkt damals eine viel größere Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung mit frischen Nahrungsmitteln hatte als heute. Auf einer am Abend des 16. Juni im Saal der Wirtschaft von Julius Möllenberg in der Lange Straße (am Wilhelmsplatz) abgehaltenen Bürgerversammlung, an der auch Vertreter der Stadtverwaltung und der städtischen Marktkommission teilnahmen, brachten die zahlreich erschienenen Wehringhauser, darunter auch viele Haufrauen, ihre Besorgnis wegen der geplanten Markttagänderung vor und machten auch ihrem Ärger über das städtische Vorhaben Luft.

Von einigen Rednern wurde die Befürchtung geäußert, dass die Verlegung des Markttags auf den Samstag das völlige Eingehen des Gemüsemarkts nach sich ziehen würde, wie das bereits in der Mittelstadt geschehen sei. Die anwesenden Händler sprachen sich jedoch für die vorgeschlagene Verlegung des Markttags aus. Die Versammlung war aber mehrheitlich der Meinung, dass man sich das einmal erworbene Recht nicht nehmen lassen solle und beschloss, das Stadtverordnetenkollegium zu ersuchen, es beim bisherigen Zustand zu belassen.

Vernachlässigt

Im Stadtteil Selbecke fühlten sich die Bewohner von der Stadt allgemein vernachlässigt und gegenüber anderen Stadtteilen benachteiligt. So war ihr schon lange vorgebrachter Wunsch nach einem Anschluss der Selbecke an das Netz der Hagener Straßenbahn immer noch unerfüllt. Auch ihr zweites großes Anliegen, nämlich an das Versorgungsnetz des Städtischen Elektrizitätswerks angeschlossen zu werden und somit endlich elektrischen Strom in den Stadtteil zu bekommen, hatte bisher bei den zuständigen städtischen Stellen kein Gehör gefunden.

Anlocken

Die Lokale, Cafés und sonstigen Vergnügungsstätten in Hagen mussten sich im Juni/Juli besonders anstrengen, Gäste bzw. Besucher anzulocken. Das Grand-Café „Weidenhof“ in der Mittelstraße z.B. verpflichtete deshalb als besondere Attraktion für den Großteil des Monats Juni den „Geigerkönig“ Lajos Rigo. Ab Samstag, dem 27. Juni, trat dort die in der Vorankündigung in den örtlichen Tageszeitungen als „bedeutendste deutsche Volkslieder-Sängerin der Gegenwart“ und als „schwäbische Nachtigall“ bezeichnete Vokalistin Eugenie Veigel-Kärn aus Stuttgart auf. Der Besitzer des Viktoria-Kinos in der Körnerstraße hatte sich als Zugnummer einen italienischen Entfesselungskünstler geholt, der vor und nach dem Filmprogramm die Besucher mit seinen Kunststücken unterhielt oder vielmehr erstaunte.

Eine besondere musikalische Veranstaltung gab es am Sonntag, dem 28. Juni, in der Synagoge Hagen in der Potthofstraße. Hier fand am Abend ab 6:30 Uhr ein von dem Lehrer für Orgel an der Städtischen Musikschule, Hans Lampert, veranstaltetes Orgelkonzert statt.

Unglücke

Im Juni 1914 gab es in Hagen aber nicht nur Gründe zum Feiern und zur Fröhlichkeit. Auch unerfreuliche bis traurige Geschehnisse mussten die Hagener erneut erfahren oder sogar selbst erleben. Eine besonders gemeine Tat, bei der es sich offenbar um einen Racheakt handelte, wurde gegen einen Grundstücksbesitzer in der Schützenstraße verübt. Auf dessen Besitzung bohrte eine unbekannte Person eine ganze Anzahl von Obstbäumen an und goss in die etwa 15 cm tiefen Löcher zusätzlich eine ätzende Flüssigkeit, wodurch sieben der schönsten Obstbäume eingingen. Ende des Monats traten im Fleyerviertel und in Eppenhausen wieder vermehrt Fälle von Hundevergiftungen auf. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass den Tieren Strychnin zum Fressen geben worden war. Man vermutete, dass es sich dabei um böse Streiche von Jugendlichen handelte.
Auch an Unglückfällen mangelte es im Juni 1914 in Hagen nicht. Am Abend des 2. Juni, einem Dienstag, glitt ein im Fleyerviertel wohnender Kaufmann beim Besteigen der Straßenbahn am Hauptbahnhof auf einem Obstrest auf dem Trittbrett aus und kam zu Fall. Da im selben Augenblick auf dem gegenüber liegenden Gleis eine Straßenbahn aus entgegengesetzter Richtung kam, wurde der gestürzte Mann von dieser erfasst und zwischen den beiden Straßenbahnwagen eingeklemmt. Allerdings erlitt der Verunglückte keine ernsthaften Verletzungen und wurde mit einem Krankenwagen zu seiner Wohnung gebracht. Weniger Glück hatte ein Rangierer, dem beim Rangieren auf dem Bahnhof in Vorhalle ein Fuß abgefahren wurde.

Besonders tragisch war aber der Unglücksfall, der sich am Pfingstsonntagvormittag auf der Strecke der Volmetalbahn ereignete und von dem die Hagener aber erst durch die am Dienstag erscheinenden Tageszeitungen erfuhren. Ein junger, frisch verheirateter Eisenbahnschaffner, hatte offenbar bei dem Versuch, entlang dem Trittbrett in den nächsten Eisenbahnwagen zu gelangen, in der scharfen Kurve vor der Einfahrt in den Goldberg-Tunnel zur Wehringhauser Seite hin den Halt verloren und war vom Zug gefallen. Dem Verunglückten wurden beide Beine abgefahren; außerdem erlitt er erhebliche Kopfverletzungen. Im Allgemeinen Krankenhaus, wohin der Schwerverletzte gebracht worden war, starb er noch am Nachmittag.

Ein harter Schicksalsschlag traf auch die Familie des Straßenbahnarbeiters Wagner in der Eckeseyer Straße. Am frühen Nachmittag des 3. Juni, einem Dienstag, fiel deren 10-jähriger Sohn bei dem Versuch, sich ein Stück Holz aus dem hinter dem Wohnhaus der Familie befindlichen Obergraben der Firma C. G. Funcke Sohn zu fischen, ins Wasser. Von der starken Strömung wurde der Junge sofort in den angrenzenden Hammerteich gerissen und ertrank. Erst nachdem das Wasser des Hammerteichs abgelassen worden war, konnte die Leiche geborgen werden. Zu einem Mord- und Selbstmordversuch kam es am Freitag, dem 5. Juni, in der oberen Haldenerstraße. Von der dort wohnenden Familie eines Anstreichers, die selbst keine Kinder hatte, war ein inzwischen fünfjähriger Junge adoptiert worden. An dem genannten Freitag versuchte die Frau, sich und das Kind durch Gas zu vergiften. Hausbewohnern fiel jedoch sehr bald der starke, aus der Wohnung kommende Gasgeruch auf. Als die sofort benachrichtigte Polizei die Wohnung öffnen ließ, stellte man fest, dass sämtliche Gashähne geöffnet und die Zimmer mit Gas gefüllt waren. Der Junge saß laut weinend in seinem Zimmer, während die Frau bereits bewusstlos am Boden lag. Die bei der Frau unverzüglich angestellten Wiederbelebungsversuche waren erfolgreich und sie konnte anschließend ins Allgemeine Krankenhaus gebracht werden. Auch der Junge überlebte. Über das Motiv der Frau machte der Zeitungsbericht keine Angaben.

Besonders berührt hat die Hagener im Juni 1914 vor allem aber wohl die Nachricht von dem Freitod zweier 20 Jahre alter Dienstmädchen, die in Hagen in Stellung waren und von denen das eine aus Boelerheide, das andere aus Herdecke stammte. Am Freitagnachmittag, dem 26. Juni, hatten beide unerlaubt ihre Arbeitsstelle verlassen. Am Abend wurden sie noch lustig und fröhlich in einem Lokal in Wetter zusammen mit jungen Männern eines Fußballklubs gesehen. In der Nacht führten sie dann ihren wohl schon vorher gefassten Entschluss aus, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden und stürzten sich in die Ruhr. Am Ufer ließen sie ihre Sachen und einen Abschiedsbrief an ihre Angehörigen zurück. Die Leiche der einen Person wurde am Samstagmorgen vor einer Turbine des Wasserkraftwerks der Firma Peter Harkort & Sohn (Schöntaler Stahl- und Eisenwerke) gefunden; nach der Leiche des zweiten Mädchens suchte man seinerzeit noch. Auch in diesem Fall ist aus der als einzige Quelle für dieses traurige Ereignis vorliegenden Zeitungsnachricht nichts über das Motiv der beiden jungen Selbstmörderinnen zu erfahren.

Forsetzung folgt.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.