Ungekürzt und überwältigend gut

Von Norbert Neukamp

Hagen. Unlängst intonierten über 700 Überglückliche im Theater „Oh, wie bist du schön“! Das war ein ergreifend-rührendes Dankeschön für ein bombastisches Konzert, mit welchem „Grobschnitt“, Hagens legendäre Kultband, ihren 40. Geburtstag aus 2010 (nach)feierte – und den 100. Geburtstag des Hagener Theaters mitfeierte. Doch damit nicht genug der Sensationen: zum ersten Mal seit 1978 erklang „Rockpommel’s Land“ ungekürzt in einer sinfonischen Orchesterfassung und ergänzt um neue Teile wie Prelude und Epilog – alles meisterhaft arrangiert vom genialen A. Reukauf!

Hohe Kunst

Heutzutage, wo Arrangements aus vorgefertigten Soundbestandteilen etc. montiert werden und viele „Künstler“ eine Autohupe von einer Trompete nicht mehr unterscheiden können, ist solch eine Arbeit hohe Kunst! Reukauf beherrscht alle Klangnuancen und Register, veredelt relativ überschaubare harmonische Strukturen und macht den „Grobschnitts“ nahtlos Platz für ihre „Schokoladenseiten“, darin unter anderem für knackige Gitarren-Riffs!

Auf ihre Art sind alle aber auch Klasse-Musiker, ausgezeichnet und geehrt in vielen Kategorien, so der 32. Platz unter den „besten 200 Bands aller Zeiten“! Die Väter mit ihren Söhnen, wie die Familie Danielak: Papa Stefan alias „Willi Wildschwein“ mit seinem „kleinen“ Stefan, genannt „Nuki“. Auch Sohn Michael „Bully“, verantwortlich für den Ton im Saal, gehört zum Clan. Dann Michael alias „Milla“ Kapolke mit Sprößling Manu! Und Deva Tattva mit Sohn Demian Hache. Grobschnitt-Väter ohne Bühnensöhne: R. Loskand – „Toni Moff Mollo“ -, neben Willi und Stefan sen. Mitbegründer der Grobschnitts. Schließlich R. Möller, der knallharte Trommler – „Admiral Top Sahne“; kuriose Nicknames galten schon immer als Grobschnitt-Markenzeichen! Wie auch die gesamte Showpräsentation live, Bühne und Licht, einzigartig in der deutschen Rockszene waren und bald Kult wurden. Für diese faszinierende Optik sorgte auch in Hagen U. „Bally“ Giebeler.

Gelenkig geblieben

Dass die U 55 (?)-Grobschnitt-Gemeinde gelenkig geblieben ist, bewies sie schon zu Beginn, als das Philharmonische Orchester unter dem swingend-agilen St. Müller-Gabriel mit dem Straußwalzer „Geschichten aus dem Wiener Wald“ eröffnete – da wurde reihenweise artistisch geschunkelt! Ein ulkiger Auftakt zu einem Rockkonzert, doch weshalb ausgerechnet Johann Strauß? Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass jeder (Pop)Song, egal zu welcher Zeit, mit nur vier Akkorden auskomme – der alte Strauß, so um 1868, schaffte das nie in seinen Stücken! Wollte man diesen unbegabten Komponisten etwa bloßstellen?

Bis zur Pause öffneten die „Groben“ dann ihr Noten- und Bilderbuch aus alten Zeiten: u.a. „Merry go round“, „Silent Movie“, „Traum und Wirklichkeit“ – die Gemeinde schwelgte! Sie alle waren ja auch, wie ihre Idole, in die Jahre gekommen. Nichts desto trotz stand man outfitmäßig auf der Höhe der Zeit: frischhalteverpackt in Lederhöschen- und Jäckchen, bisweilen die silbrigen Strähnchen zu Schwänzchen gebunden, die fülliger gewordenen Oberkörper lässig in Blackshirts gezwängt! Grobschnitt und die Fans: ein Gefühl, eine Gemeinschaft! „Das geht durch und durch, von oben bis unten“, freute sich Willi Wildschwein.

Applaus-Orkan

Nach der Pause dann das sogenannte Konzeptwerk „Rockpommel’s Land“, geschrieben vom langjährigen Grobschnitt-Keyboarder Volker „Mist“ Kahrs. Märchentante R. Schachtel erzählte mit Lust und List die Geschichte von Severity Town und den fiesen Blackshirts.

Dass Klein-Ernie, der Märchenheld, immer ein rotes Mützchen trägt, ist nicht neu – aber gegen Ende trugen plötzlich alle rote Mützchen, Orchester wie Fangemeinde – The Rocky Horror Show á la Grobschnitt!

Zum Schluss Applaus-Orkane beim emotionalen Grobschnitt-Dankeschön an die Fans und ans Theater – und nicht zuletzt an Oberspielleiter Th. Borowczak, Grobschnitt-Jünger, Initiator und szenischer Leiter des Events. Nach der Parole, dass es wahre Liebe nur unter Männern gibt, stürmte man am Ende dieses denkwürdigen Abends aufeinander los, herzte und umarmte sich freudetaumelnd! Dazu hatte man auch allen Grund! Die After-Show ging bis in die tiefe Nacht. Alle weiteren Vorstellungen sind bereits ausverkauft – gut so!