„Ur-Hagener“: Braun mit dunklen Haaren

Oberbürgermeister Schulz „Aug in Aug“ mit dem uralten Schädel aus der Blätterhöhle. Im Hintergrund ist die Rekonstruktion des jungen Mannes zu sehen.(Foto: Michael Kaub)

Hagen. (Red.) Im vergangenen Jahr wurde einer der uralten Schädel aus der Holthauser Blätterhöhle umfassend genetisch untersucht. Er gehört zu einem Menschen, der vor rund 5.500 Jahren gelebt hat und vermutlich nach seinem Tod in der Blätterhöhle bestattet wurde. Die Person im Alter von circa 20 Jahren ernährte sich hauptsächlich von Fisch und Fleisch, sie war also kein Landwirt, sondern ein Jäger, Fischer und Sammler.
Die an diesem Schädel vorgenommenen genetischen Untersuchungen haben zum Erstaunen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Ergebnis geliefert, dass es sich bei dieser Person um einen jungen Mann gehandelt hat. Mehr als zwölf Jahre wurde anhand von anatomischen Vergleichswerten angenommen, dass es eine junge Frau war, die im 4. vorchristlichen Jahrtausend gemeinsam mit zahlreichen weiteren Toten unterschiedlichen Alters und Geschlechts in der Blätterhöhle ihre letzte Ruhe fand.

Für Werdringen

Die neuen Ergebnisse fließen in die hochwertige digitale 3D-Visualisierung mit ein, die von der Stadt Hagen für die geplante neue Blätterhöhlen-Ausstellung im Museum Wasserschloss Werdringen in Auftrag gegeben wurde. Das LWL-Museumsamt übernahm einen erheblichen Anteil der Kosten. Das virtuelle Modell wurde auf der Grundlage eines 3D-Scans der Schädelfragmente erstellt. Um die Gesichtsform des Individuums zu rekonstruieren wurden forensische Durchschnittswerte der Weichteilstärken aufgetragen. Anhand solcher Marker kann die Gesichtsoberfläche in 3D bis hin zu einer lebensnahen Abbildung des Menschen ausgearbeitet werden. Das 3D-animierte Video ist das virtuelle Phantombild eines Menschen aus der Steinzeit.
Die bisherigen Ergebnisse der laufenden wissenschaftlichen Untersuchungen sind in die digitale Rekonstruktion eingeflossen.

Weitere Untersuchungen liefern zum Beispiel auch Informationen zu Haut- und Haarfarbe der Person. Anders als das bis heute tradierte Klischee von blonden und weißen Europäern zeigen die bisherigen hochauflösenden genetischen Untersuchungen, dass es sich bei der europäischen Urbevölkerung, wie sie auch in der Blätterhöhle vorhanden ist, um meist dunkelhaarige Menschen mit brauner Hautfarbe gehandelt hat.
Aufgrund der Rekonstruktion der Ernährung anhand stabiler Isotope, erhärten sich die Hinweise auf Jäger-Sammler-Fischer-Gemeinschaften in der späten Jungsteinzeit. Ob das nordwestliche Sauerland ein Rückzugsraum für die letzten Gemeinschaften der europäischen Urbevölkerung aus Jägern und Fischern am Rande des Mittelgebirges war? Nun, das werden die laufenden und zukünftigen Untersuchungen womöglich noch zeigen.

Vorliebe für Fische

Bis vor wenigen Jahren war nicht bekannt, dass in Mitteleuropa nach den als „Neolithische Revolution“ bezeichneten Umwälzungen im 6. vorchristlichen Jahrtausend, die Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht brachten, mehr als 2.000 Jahre später immer noch Bevölkerungsteile als Jäger, Sammler und Fischer lebten. Diese Menschen bildeten eine Parallelgesellschaft zu den jungsteinzeitlichen Ackerbauern und Viehzüchtern, wie sie seit seinerzeit auch an Rhein und Ruhr siedelten.

Sie ernährten sich hauptsächlich von Fisch. Historikern fällt bei diesem archäologischen Befund dazu ein, dass die Lenne bis zu ihrer Verschmutzung durch Industrieabwässer im 19. Jahrhundert, einer der an Fischen reichsten Flüsse in Westfalen war.